Bemerkenswert

Alleine mit dem König der Krankheiten: Junge Erwachsene mit Krebs

Schon einmal über das Leben nach dem Tod nachgedacht? Für die meisten Religionen ist dieser Zustand des Menschen in der einen oder anderen Art und Weise mit Vorstellungen über ein Weiterleben der Seele oder gar einer körperlichen Wiedergeburt besetzt. Und wie die meisten Menschen auf der Welt denken wir über diese Themen erst nach, wenn wir soweit sind oder nahe Personen vom Tod bedroht werden. Bis zu diesem Zeitpunkt gehen wir nach der Annahme, dass im Endeffekt schon alles gut gehen wird. Dabei sind es sterbende oder kranke Menschen, die uns am meisten über das Leben erzählen können. Es sind oft erst gravierende, lebensbedrohliche Ereignisse, die uns zu einer Atempause in unserem gehetzten Alltag zwingen und uns ermöglichen reflektierend über uns, unser Leben und unsere Mitmenschen nachzudenken. Brudolfblog hat mit drei Menschen gesprochen, die sich bereits weit vor ihrer Zeit mit dem Thema Vergänglichkeit auseinandersetzen mussten. Timur, Kerstin und Christoph erkrankten noch in jungen Jahren an Krebs. 

Kerstin, eine adrett wirkende Mathematikerin ist 32. Sie schreibt an ihrer Doktorarbeit. Vor zehn Jahren erkrankte sie an der Diagnose Lymphdrüsenkrebs, einer bösartigen Erkrankung des körpereigenen Immunsystems. Hinter ihr liegt die schwierigste Zeit ihres Leben. Und obwohl sie aggressive Therapien überstanden hat und ihr Krebs heute in Remission (nicht mehr auffindbar) ist, bestimmen die Nebenwirkungen und Spätfolgen der Therapie weiterhin ihren Alltag.

Rückblick. Mit 22 hatte Kerstin ihre Ausbildung absolviert und eine erste Arbeitsstelle bekommen. Zeit für einen lange geplanten Urlaub um das Erreichte zu feiern. Es ist kurz vor Ostern. Die Koffer sind bereits gepackt. Am Tag vor der Abreise bemerkt sie die ersten Symptome. Eine Beule am Hals und blaue Äderchen an der Brust. Kerstin geht zum Arzt. Der findet eine weitere Beule über ihrem Brustbein und eröffnet ihr: „Sie dürfen nicht in den Urlaub. Sie müssen ins Krankenhaus. Sofort.“ Mit ihrer Mutter macht Kerstin sich auf in die Hämatologische Ambulanz des Krankenhauses. Auf dem Weg dorthin gehen Befürchtungen und Vorahnungen durch ihren Kopf. Der Mutter geht es ähnlich. Die Gänge der Ambulanz sind leergefegt. Es ist nach Feierabend. Nur eine einzelne Patientin geht an Kerstin vorbei. Mit Mundschutz, einen Infusionsbeutel vor sich hertragend. Ein surrealer Moment. „Damals kannte ich das noch nicht. Die Frau kam mir wie ein Alien vor.“, sagt Kerstin. Über die Osterfeiertage muss Kerstin schon im Krankenhaus bleiben. Der Pathologe, der einen Knoten untersuchen könnte für die Diagnose, kommt erst nach den Feiertagen wieder. Dann geht alles sehr schnell. Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Kerstin gehen viele Fragen durch den Kopf. Zum Beispiel wie sie der neuen Chefin erklären soll, dass sie mit Krebs im Krankenhaus liegt. Zeit zum Nachdenken bekommt sie nicht. Der erste Zyklus Chemotherapie beginnt direkt nach den Feiertagen. „Der erste Zyklus war der schlimmste.“, erzählt Kerstin. Als ein halbes Jahr später der erste Rückfall erfolgt ist sie schon abgehärtet.

Trotzdem leidet Kerstin unter den Folgen der Therapie. 14 Zyklen Chemotherapie innerhalb drei Reihen, teilweise verteilt über ein halbes Jahr, im dreiwochen-Takt, zwei Reihen Bestrahlungen. Dann folgt die Stammzellentransplantation. „Eine der heftigsten Sachen die ich je erlebt habe“, sagt Kerstin. So stirbt die Hälfte der Patienten laut Kerstin noch im ersten Jahr. Das Immunsystem wird komplett heruntergefahren. Jeder Infekt in dieser Zeit, sei er noch so harmlos, ist dann potentiell tödlich. Kerstins Weisheitszähne werden präventiv gezogen. „Dann ging es los. Wochenlange Durchfälle folgten. Der komplette Körper rebellierte.“, blickt Kerstin zurück.

Doch Kerstin lässt sich nicht unterkriegen. Studiert weiter. Stellt sich für eine Reportage des WDR zur Verfügung. Gehört zu den ersten Mitgliedern der „Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs“, die sich für andere Betroffene einsetzt. Sitzt mit Mundschutz kahlem Kopf im Hörsaal und schreibt ihre Prüfungen. „Ich studierte, als ginge es um mein Leben“, berichtete sie. Und darum ging es damals auch wirklich. „Komischerweise“, so Kerstin, „hat mir das auch Kraft gegeben.“ In ihren ersten akademischen Ferien liegt sie im Krankenhaus. Sie erleidet einen allergischen Schock, bekommt Gürtelrose, die Haare fallen aus. Ihre Freunde und ihre Familie geben ihr in dieser Zeit Halt. An Silvester feiern sie zusammen vor dem Krankenhaus das neue Jahr. Nicht jeder reagiert mit Verständnis. Kerstin wird auf ihren Mundschutz angesprochen und gebeten, doch nach Hause zu gehen wenn sie die Schweinegrippe hat.

Heute ist Kerstin in Remission. Mit den Spätfolgen der Krankheit muss sie ein Leben lang zurechtkommen. Als ihr Krebs diagnostiziert wurde, musste schnell gehandelt werden. An die Konservierung ihrer Eizellen dachte damals niemand. Kerstin fragt auch nicht. Die meisten Patienten und Patientinnen mit Krebs sind schon älter, der Kinderwunsch schon erfüllt oder biologisch ohnehin nicht mehr erfüllbar. Heute ist sie chronisch müde, leidet am sogenannten Fatigue-Syndrom. An manchen Tagen kommt sie morgens nicht mehr aus dem Bett, egal wie lange sie davor geschlafen hat. Ihre Arbeitsfähigkeit leidet darunter. Deswegen macht sie sich sogar Selbstvorwürfe. Und letztlich bleibt die Sorge vor den Spätfolgen. Denn alle medizinischen Standardbehandlungen von Krebs erhöhen wiederum das Risiko weiterer Krebserkrankungen. Sie wünscht sich mehr Sensibilität durch die Menschen der Krankheit gegenüber. „Für mich ist der entscheidende Punkt, dass die Krankheit existentiell ist. Die meisten Menschen glauben, dass die Sache für die Betroffenen nach der Behandlung erledigt ist, dass auch körperlich und seelisch wieder alles wie vorher ist. Aber das ist es nicht. Und dann wundern sie sich, warum man einen Behindertenausweis hat.“

Vor einigen Monaten ist Kerstin umgezogen. Sie schreibt an ihrer Doktorarbeit und hat Salsa tanzen gelernt. Auf die Frage, ob sie der Erkrankung auch irgendetwas Positives abgewinnen kann antwortet sie: „Ich weiß nicht, ob man das pauschalisieren kann. Ich denke aber es ist eine Selbstwirksamkeitserfahrung, die man da machen kann, wenn man so etwas durchgestanden hat.“

Christoph ist heute 33. Er begann sein Studium – Germanistik und Geografie – nach dem zweiten Bildungsweg. Fragt man ihn nach seinen Vorstellungen über das Lebensende kann er nur müde abwinken. Sein Großvater starb an Krebs, da war er neun Jahre alt. Sein Großcousin verunfallte mit 36 tödlich, ein Freund wählte mit 31 den Freitod, seine Freundin starb mit 24. „Spätestens dann, wenn man alle Tränen geweint hat, fangen die Fragen an“, erzählt Christoph. „Über das Warum und Wozu. Wenn der Tod dann seine Visitenkarte in Form einer Krebsdiagnose in die Hand drückt, denkt man über die eigene Vergänglichkeit nach. Ob man will, oder nicht.“ Christophs Weg in die Krankheit fängt mit Schluckbeschwerden an. Weder der HNO-Arzt, noch der Kardiologe können sich die Beschwerden erklären. Bei einer Magenspiegelung sieht der Arzt eine verdächtige Stelle und entnimmt Proben. Die Untersuchung beim Pathologen bestätigt die schlimmsten Befürchtungen. Bei weiteren Untersuchungen wird festgestellt: Die Speiseröhre, die Umgebung des Magens, die Leber sind betroffen. Die Diagnose trifft ihn wie ein Hammerschlag. Was für Christoph folgt ist Fassungslosigkeit und blankes Entsetzen. Seine Eltern reagieren, wie sein gesamtes Umfeld bestürzt, aber mit großer Solidarität. Wie viel einzelnen Menschen an ihm liegt, spürt er nach dieser Zeit.

Mit der ersten Chemotherapie geht es schnell. Christoph geht vorher zur Cryobank. Denn nach einer Chemotherapie droht den Betroffenen die Unfruchtbarkeit. Danach folgt die Operation. Christoph schreibt sein Testament und informiert seine Eltern wer in seinem Todesfall alles benachrichtigt werden soll. Außerdem entwickelt er eine Art Zweckfatalismus. „Wenn die OP gut geht, habe ich keinen Krebs mehr. Wenn ich sterbe, habe ich keine Probleme mehr.“ In der Operation wird sein Inneres komplett umgebaut. 39 Lymphknoten werden entfernt. Die Speiseröhre wird gekürzt, der Magen hochgezogen. Christoph überlebt und geht erneut durch die Qual der Chemotherapie. Ein Höllenritt beginnt. Seine Haare fallen aus, er bekommt Nasenbluten. Nach der Operation verursacht die Therapie Bauchkrämpfe, Übelkeit. Er muss sich 20 mal am Tag übergeben. Mit einer 10 cm Rest-Speiseröhre jedes mal ein Vorgang unter ungeheuren Schmerzen. Ein Auge wird durch die Therapie dauerhaft geschädigt. Zwischen Operation und Chemotherapie wird eine Rehabilitationsmaßnahme in einer Klinik im Schwarzwald veranlasst. Christoph ist dort der einzige Patient unter 50, was ihm das Ansprechen seiner Sorgen und Nöte nicht erleichtert. Er lernt eine engagierte, junge Psychologin kennen. Ihr autogenes Training hilft ihm den Schmerz auszublenden und rettet ihm in der postoperativen Chemotherapie das Leben. „Hätte ich das nicht gelernt, wäre ich an dieser Stelle endgültig zusammengebrochen.“, berichtet er.

Anschließend beginnt für Christoph die Nachsorgephase. Zwischen fünf und zehn Jahren wird ein Patient in der Regel von den Ärzten begleitet. Danach ist man auf sich alleine gestellt. Für Christophs Krebsart besteht kein Nachsorgeplan. Er muss sich seine Untersuchungen selbst zusammenstellen. Auch heute spürt er noch die Langzeitfolgen der hochagressiven Therapie. An entsprechenden Tagen kämpft er mit Abgeschlagenheit, Übelkeit und Erbrechen, Juckreiz am ganzen Körper und Hitzewallungen.

Seelisch, berichtet Christoph, war das Krankheitserleben für ihn ein Höllenritt. „Man muss sich klar sein, dass es nie mehr so wird wie früher. Was man während der Erkrankung an Angst und Depression aushalten muss, dass lässt sich kaum in Worte fassen. Und auch nach Behandlungsende ist das nicht einfach vorbei. Jedes mal wenn sich der Termin für eine Nachuntersuchung nähert, dann werde ich sehr unruhig. Ab ca. drei Tage vorher kann ich nicht mehr schlafen. Die Angst dass die Krankheit wieder zurückkommt macht einen fertig. Aber wenn der Arzt kommt und sagt – wie bisher -, dass alles in Ordnung ist, dann fällt die Angst zentnerschwer von einem ab.“

Finanziell, so Christoph, war die Zeit für ihn eine Katastrophe. Er hatte über den Zeitraum von einem Jahr kein geregeltes Einkommen. Ohne seine Eltern wäre er damals in die Privatinsolvenz gerutscht. Hartz IV konnte er nicht beantragen, da er sich dafür hätte exmatrikulieren müssen. Doch Christoph brauchte die Hoffnung, nach der Krankheit weiter studieren zu können. Als Konsequenz seiner Krankheit musste er die Prüfungsordnung wechseln. Die neue Prüfungsordnung beinhaltete neue Kurse, die er erst absolvieren musste. Für Christophs Lebensplanung eine entsprechende Hypothek.

Christoph hat begonnen seine Geschichte als Hörbuch aufzunehmen. Für ihn ist das ein Stück Verarbeitung. Eine Möglichkeit, „sich den ganzen Rotz von der Seele zu labern.“ Mitgeben möchte er allen jungen Menschen: „Wenn ihr irgendwelche merkwürdigen Beschwerden habt, dann geht zum Arzt! Vielleicht ist es ja nichts Ernstes, aber vielleicht geht es um euer Leben. Und falls ihr – wegen was auch immer – im Krankenhaus landet: Sagt Bitte und Danke zu den Ärzten und Pflegern. Die kämpfen jeden Tag für euch.“

Timur ist 23, studiert Politikwissenschaft und wirkt ausgelassen und lebensbejahend, auch während er über die schweren Momente der Vergangenheit spricht. Es ist nur schwer vorstellbar, dass er an einer gravierenden Krankheit erkrankt war.

Seine Geschichte beginnt während eines Auslandsjahres in den USA. Unklare Rückenschmerzen die sich mit der Zeit immer mehr verschlimmern zwingen ihn dazu im Stehen zu Arbeiten. Mit der Familie ist er darüber im Austausch. Die ist sich einig, dass er bei einem jungen, kerngesunden Mann wie ihm in erster Linie fehlende sportliche Betätigung sei, die die Schmerzen verursache. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland folgt dem Arztbesuch die schwerwiegende Diagnose: Hodenkrebs. Timur erinnert sich an den Moment der Diagnose: „Der Urologe schaute mich an und schwieg. Sicherlich 15 Sekunden lang, während er auf die Wand starrte. Ja, sprach er, Sie haben einen Tumor. Und ich dachte mir: Tumor? Was meint er damit genau? Er hatte wohl wenig Übung darin so eine Nachricht rüber zubringen. Mein erste Reaktion war dann meine Freundin anzurufen.“ Im ersten Moment ist Timur geschockt. Im zweiten Moment erleichtert. Schlecht ging es ihm ja schon vorher. Die ersten 48 Stunden funktioniert er trotzdem wie ein Roboter. Am gleichen Abend wir die Familie informiert. Am kommenden Tag geht es bereits zum Radiologen bei dem die nächste Hiobsbotschaft folgt: Die Lunge sieht nicht gut aus. Timur hat bereits Lymphknoten- und Lungenmetastasen. „Am schlimmsten war die Zeit direkt nach der Diagnose. Erstmal hört man ja viel und weiß nicht viel über den Begriff Krebs, den man mit Chemotherapie und Tod in Verbindung bringt.“, erzählt Timur. Ein Flyer über Hodentumore bietet ihm erste Informationen an. Mit der Zeit liest er – er nennt das Bewältigungsstrategie – sich immer mehr Literatur zum Thema an. Ist in der Lage gezielte Fragen zu stellen. Er nennt einen Ausspruch des amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt als die Leitidee dahinter: Alles vor was wir Angst haben müssen, ist die Angst an sich. Und so ist es nur die Ungewissheit, die Timur ängstigt. Ein Plan, dass Überwinden der Krankheit, gibt ihm Kraft. Um die Illusion von Kontrolle aufrecht zu erhalten fängt er an seine Arztbriefe zu katalogisieren und digitalisieren. Er organisiert alle Termine selbst und kümmert sich um den reibungslosen Ablauf der Therapien. Was die inhaltlichen Fragen betrifft, folgt er dem Rat der Ärzte. „Die Kampfmetapher der Krebskranken macht hier eigentlich auch keinen Sinn. Denn sie würde bedeuten dass derjenige, der an der Krankheit stirbt eben nicht genug gekämpft habe. Klar ist die Psyche wichtig, aber ohne die ärztliche Expertise wird niemand geheilt. Also kann man hier auch Kompetenzen abgeben.“

„Für meine Familie“, erzählt Timur, „war es wohl allgemein viel schlimmer. So absurd es sich anhört, aber ich hatte eigentlich keine schlechte Zeit. Ich war zuhause, mit meinen Geschwistern, ich wurde bekocht. Zusammen achteten wir darauf dass alle Hygienevorschriften während der Chemotherapie eingehalten wurden.“ Nach drei Zyklen Chemotherapie beginnt Timur schwach zu werden. Doch er achtete darauf jeden Tag draußen spazieren zu gehen. Seine Familie begleitet ihn zu allen Terminen. Seine Zuversicht verliert er nicht. Er erzählt von einer Episode auf der Onkologiestation: „Ich saß mit einem jungen Leukämie-Patienten auf einem Zimmer. Ich dachte mir, wie gut ich doch mit dem Hodentumor noch davon gekommen bin. Später stellte ich fest dass er das gleiche von mir dachte.“ Nach der Behandlung folgt die Rehabilitationsmaßnahme. Davon hat er zuerst keine wirkliche Vorstellung. „Ich dachte dabei an das englische ‚Rehab‘, also eine Einrichtung in der Hollywood-Stars sich von ihrer Alkoholsucht kurieren.“, scherzt er. Sein Onkologe, ein junger Arzt Anfang 30 steht dieser Maßnahme schulterzuckend gegenüber. Timur entscheidet sich selbst dafür. In einer Einrichtung im Allgäu folgt er einem sportlichen Aufbauprogramm. Nach drei Wochen ist er derart gekräftigt, dass er zwei Mittagessen statt einem zu sich nimmt. Zwischenzeitlich isst Timur, der sich vorher fleischlos ernährt hat, sogar wieder Fleisch, um sich körperlich aufzubauen.

Ob sich Timur Sorgen macht, dass die Krankheit zurückkommt? „Ja und nein.“, antwortet er. „Die Krankheit beeinträchtigt mich nicht meinem Alltag, weil es nicht praktikabel für mich ist mit meinen 23 Jahren, der ich noch studiere in drei-monats-Intervallen zu leben. Sicherlich sind die Termine der Nachuntersuchung ein Moment inne zu halten und sich darüber zu freuen, wieder drei Monate geschenkt zu bekommen. Aber sonst ist das für mich kein Thema.“

Timur sieht sich durch die Krankheit enorm gereift. Mehr Gelassenheit, zum Beispiel gegenüber Stress im Studium hat er gelernt, aber auch die Bedeutung davon, Gutes zu tun und zu bewirken. „Ich möchte definitiv die Welt zu einem besseren Ort machen.“, sagt er. Dafür ist er in der Stiftung organisiert und möchte Menschen helfen, die ein ähnliches Schicksal erleiden. Er nennt dies den Egoismus des Altruismus. „Es gibt wenig Dinge, die einem mehr gut tun, als im Kleinen etwas gutes zu tun. Die wenigsten 23-jährigen nehmen sich die Zeit und fragen sich: Warum stehe ich morgens auf? Was treibt mich an zum Leben. Ich habe meine Antwort darauf gefunden. Aber das muss jeder für sich selbst finden. Da gibt es kein Pauschalrezept.“

Schon gewusst? 

Jährlich erkranken rund 500.000 Menschen in Deutschland neu an Krebs, davon rund 1800 Kinder im Alter bis 15 Jahre und etwa 15.000 junge Heranwachsende zwischen 18 und 39 Jahren. Die Fallzahlen unter jungen Erwachsenen sind seit einigen Jahren steigend. Rund 224.000 Menschen sterben pro Jahr an Krebs. Damit ist die Krankheit die zweithäufigste Todesursache nach Herz- und Kreislauferkrankungen. Statistische Trends deuten darauf hin, dass Krebs in absehbarer Zeit zur häufigsten Todesursache wird. Neben der immensen, immanenten psychischen Belastung durch die Krankheit können Langzeitfolgen der Krebserkrankung unter anderem die Unfruchtbarkeit der Patienten umfassen, Funktionsstörungen der Organe und Muskelgewebe nach Bestrahlung, Unregelmäßigkeiten des Hormonhaushaltes oder das entstehen einer weiteren Krebserkrankung. Dabei steigert jede Krebserkrankung im allgemeinen das Risiko für neuen Krebs, als auch Chemotherapien und Strahlentherapien Sekundärtumore auslösen können. Dabei ist meist von einer großen Latenzzeit auszugehen. Für junge Patienten spielt dies in sofern eine Rolle als dass ihre Wahrscheinlichkeit, zum Zeitpunkt einer neuen Krebserkrankung noch zu leben höher ist. Für diese Zielgruppe sind Langzeitfolgen kaum untersucht. Neben den gesundheitlichen Folgen der Krankheit – in psychischer und physischer Hinsicht – zerfällt bei Ihnen regelmäßig die Lebensplanung, wenn die Krankheit während einer Ausbildung, des Studiums oder zu Beginn der Karriere eintritt. Die Zeugung von eigenen Kindern kann je nach Behandlung im späteren Verlauf nicht mehr möglich sein.

Die Diagnose kommt zu einer Zeit, in der Gedanken an Sterben und Tod normalerweise keinen Platz haben“, sagt Karolin Behringer, Fachärztin an der Onkologischen Ambulanz des Uniklinikums Köln. In dieser Lebensphase gehe es meist um Unabhängigkeit, sexuelle Orientierung und Erfahrung, die Lösung vom Elternhaus, Ausbildung, Arbeitsplatz, Karriere und die Gründung einer Familie. „Die Erkrankung trifft nicht eine ausgereifte, in sich ruhende Persönlichkeit, sondern eine eher unsichere, unselbstständige und verletzliche, so dass eine doppelte Krisensituation entsteht“, resümiert Volker König, ärztlicher Leiter der Fachklinik für onkologische Rehabilitation Bad Oexen. Eine lebensgefährliche Erkrankung in diesem Alter sei deshalb häufig ein gravierender Einschnitt in die gesamte Lebens- und Zukunftsplanung.“ (ZDF Heute)

Es verbleibt: Je früher ein Tumor erkannt wird, desto besser sind die Überlebenschancen. Diese beträgt über alle Alterskohorten und Krebsarten hinweg 50 % für die erste Krebserkrankung. Für junge Heranwachsende wird die Rate bei 80 % angegeben.

Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs

Christoph, Timur und Kerstin sind in der „Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs“ organisiert. Die 2014 gegründete Stiftung ist ausschließlich durch Spenden finanziert. Sie widmet sich der Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema, dem Schließen von Versorgungslücken, die vor allem junge Patienten betreffen, dem gezielten Anstoßen gesundheitspolitischer Debatten, sowie der gezielten Förderung von Forschungsarbeit. Sie richtet sich in ihrer Arbeit an Erwachsene zwischen 18 und 39, die von Krebs betroffen sind. Verschiedene Projekte, die zum Teil gemeinsam mit jungen Erwachsenen mit Krebs entwickelt wurden, bieten konkrete Hilfsangebote. Unter http://www.junges-krebsportal.de wurde eine Plattform geschaffen auf der junge Patienten sich mit ihren Fragen, Sorgen und Nöten medizinischer und sozialrechtlicher Art an ehrenamtlich tätige Ärzte und Experten wenden können. Um die Forschungsarbeit zu unterstützen vergibt die Stiftung jährlich ein, mit 10.000 € dotiertes Promotionsstipendium an Akademiker aller Fachrichtungen, die zum Themenkomplex der Stiftung forschen wollen. Informationen: http://www.junge-erwachsene-mit-krebs.de/projekte/promotionsstipendium

 Mehr zum Thema
Beitrag von ZDF Heute

Beitrag von Spiegel Online

Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs

(rb) (Erstveröffentlichung durch UNICUM Studierendenmagazin, UNICUM Verlag, GmbH & Co. KG, 2016: http://www.unicum.de/de/studentenleben/zuendstoff/diagnose-krebs-erfahrungsberichte)

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Ein Buch zum Geleit

Deutschland, du bist mit fremd geworden ist ein Gesellschaftsporträt der Bundesrepublik und ihres inneren Zustands. Mit Entsetzen blickt Erik Flügge auf die immer größer werdenden Spannungen in der Republik. Der Kontakt zwischen Volk und Volksvertretern reißt ab. Flügge analysiert den politischen Burnout der deutschen Demokratie und erklärt die inneren Mechanismen einer Veränderung, die Sprengkraft hat. Er scheut sich nicht, die Sprache und Arroganz heutiger Politik anzusprechen und schreibt den demokratischen Parteien ins Stammbuch, wie sie sich verändern müssen. Wir haben das Buch gelesen und fassen seine zentralen Thesen zusammen.

„Was könnte aus Deutschland werden? Ein Land ohne Grenzen im Denken und ohne grenzenlosen Hass. Ein Land, von dem es sich zu träumen lohnt. Ein Land, an dem ich arbeite.“ Dieser Satz steht auf dem Einband des Buches, welches mir vorliegt, und erinnert mich ein wenig an die Wahlkampfslogans der CDU zur letzten Bundestagswahl. Ein Land, in dem wir gut und gerne leben wollen. Meine erste Befürchtung hinsichtlich einer christdemokratischen Färbung zerstreut sich indes schnell – mit einem Blick auf das Inhaltsverzeichnis. Auf knappen 155 Seiten dividiert der Autor sein Buch in die Kapitel „Deutschland, du bist mir fremd geworden“, „Die anderen“, „Volksparteien in der Volksparteikrise“, „Die Zukunft der Medien in der Medienkrise“ und „Die gestärkte Republik“. Mit dieser Aufteilung benennt der Autor relativ übersichtlich die Parteien der derzeitigen Krise. Es ist zum einen die deutsche Gesellschaft, die sich in zunehmenden Identitätsfragen, Identitätskrisen und zerstörten Illusionen wiederfindet, die Konkurrenz durch Zuwanderung, Fremdheitserfahrungen und den Generationenkonflikt. Im dritten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit den beiden Akteuren, deren Erodieren zum Erstarken gesellschaftlicher Extreme geführt hat, den Christdemokraten und den Sozialdemokraten, deren Scheitern in ihrer Politikvermittlung und warum sie dazu schon verurteilt sind, kurz: nicht mehr richtig handeln können im Auge des Volkes. Das vorletzte Kapitel ist der Medienkritik gewidmet und der Unmündigkeit der Bürger bei der Benutzung dieser Medien. Im letzten Kapitel macht der Autor konkrete Vorschläge, wie die Krise überwunden werden könnte.

Grand-Theorie?

Dies ist freilich ein hehrer Anspruch, haben sich doch Generationen von Soziologen daran die Zähne ausgebissen, eine Art generelles Modell der Gesellschaft zu entwickeln. Nur wenige können sich damit rühmen, wie zum Beispiel Bourdieu, Foucault oder letztlich der große Niklas Luhmann mit seiner Systemtheorie. Somit beschleicht mich anfangs das Gefühl, es mit einem allzu sehr an der Oberfläche bleibenden Werkes zu tun zu haben. Vielleicht muss die Tiefe aber auch gar nicht hergestellt werden. Vielleicht macht Flügge als erster Autor den Versuch, etwas Unaussprechliches in unserer Gesellschaft zu benennen. Es ist unaussprechlich, weil die Veränderungen der jüngeren Zeit zu subtil geschehen sind, um sie ernst zu nehmen, und weil wir nicht hingeschaut haben, und weil wir immer noch nicht umfassend reagieren. Weil uns die Veränderungen überrumpelt haben. Auch jetzt stolpern wir noch schlafwandlerisch in einen gesellschaftlichen Umbruch, den wir immer noch nicht benannt haben. Der Autor tut dies und wünscht sich, „dass auf den Winter noch ein Frühling folgt, in bunten Farben.“ Diesen Wunsch äußerte der Autor 2014 und heute, so konstatiert er, ist das Kippen der Gesellschaft, wie es sich 2014 nur subtil andeutete, bittere Realität geworden. Natürlich ist hier die Rede vom Rechtsruck in der Gesellschaft. Ein Ruck, der sich nicht nur in Deutschland manifestiert, sondern in so manchen europäischen Ländern. Überall, so der Autor, „kommen hetzende Spießbürger an die Macht, die ihren kleinen Garten mit Zäunen umgeben wollen. In den USA will einer seine Mauer ziehen. In Großbritannien wollen sie den alten Wassergraben zum Festland zurück. Und ein Heimatminister stellt jeden Morgen kleine deutsche Gartenzwerge in Lederhosen auf.“ Es sind polemisierende Worte und überspitzte Worte. Der Autor ist sich dessen selbst bewusst und beschreibt den Konflikt, den er verspürt, wenn er sich fragt, ob er auf die pausenlosen, kalkulierten Provokationen von rechts reagieren oder sich dem Hass entziehen soll. Mit dem Blick auf andere europäische Länder entschließt er sich dazu, den Kampf um die deutsche Demokratie aufzunehmen. Er beschreibt Freunde und Familie, einst lieb gewonnene Menschen, die er nicht mehr wiedererkennt, wenn sie voller Hass über Flüchtlinge reden. Er beschreibt Jugendliche, die außer Angela Merkel und dem Stichwort Flüchtlingskrise keine anderen politischen Schlagwörter mehr kennen. Keine Fragen nach dem Sozialstaat, nach der Umweltpolitik. Nur noch dieses eine Thema. Nur noch diese eine Partei, die seit Jahren die Wahlen gewinnt. Jugendliche sind das Spiegelbild der Gesellschaft, sagt der Autor. Und ihm ist hier vollumfänglich beizupflichten.

Wut und Zorn

Den Zorn, den der Autor in uns sieht, erkennt er auch in sich selbst und berichtet über eine Episode während des US-Wahlkampfes. Über die Faszination des Zorns, den ein „Idiot“ (sic) wie Trump versprüht, und über sein Erschrecken darüber. Er versucht dem sogar etwas Positives abzugewinnen und sieht den rechten Umschwung als Weckruf für die politisch unsichere Mitte der Gesellschaft, die – gefangen von den eigenen Verpflichtungen -– sich zu lange darauf verlassen hat, dass es ausreicht, demokratisch legitimierte Parteien regieren zu lassen. Das Potential zur weltoffenen Gegenbewegung sieht er gleichwohl regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. In Baden-Württemberg, der Heimat des Autors und einem mit Selbstzufriedenheit übersättigten Völkchen, subsumiert er die Stimmung mit dem Ausspruch einer nahen Verwandten: „Es gibt drei Dinge, zu denen man stehen muss. Seine Familie, seine Religion und sein Vaterland.“ Der Autor stimmt keiner der drei Thesen zu und ist irritiert darüber, dass in seiner Heimatgemeinde plötzlich alle abends die Türen verschließen. Auf die Frage, warum, antwortet man ihm: „Man weiß ja nie, es ist schließlich unsicherer geworden.“

Irreale Ängste

Es sind die irrealen Ängste der Mitte, die der Autor wohltuend offen legt. Die Mitte, der in Deutschland Harmonie und Stabilität über alles geht, sich aber so leicht vom Hass anstecken lässt. Er benutzt für diese Mitte die Kurzfassung der Herde. Eine Herde, die Wert auf gleiche Werte und Normen legt, auf die gleichen Vereine, Nachbarschaften und Freundeskreise. Eine Eigenschaft, die sie im einzelnen unbeweglich macht, die Herde als Ganzes aber hoch-volatil. Im Folgenden beschreibt Flügge die Vorteile der Herdengemeinschaft und ihrer Struktur, die gewisse Abweichungen zulässt, aber insgesamt doch durch ihre Konformität für alle Mitglieder Vorteile schafft. Damit nähert sich der Autor tatsächlich bereits sozialwissenschaftlicher Gesellschaftsanalyse an. Zwar verklausuliert durch Metaphern, aber sinnig im Zusammenhang. Es ist der Moment, in dem man Flügge als treffenden Analytiker begreift. Seine Ausführungen gewinnen immer wieder die Qualität teilnehmender Beobachtungen, wenn er über Urlaubserlebnisse, Kneipendiskussionen und das Eintauchen in von ihm sogenannte Gegenwelten, Lebensrealitäten von Menschen, die nicht der eigenen entsprechen, meistens definiert durch den sozioökonomischen Status der Betroffenen. Er beschreibt die Fremdheitserfahrungen älterer Mitbürger, die sich im öffentlichen Park nicht mehr zu Hause fühlen, da er plötzlich von Menschen erfüllt ist, die keinen eigenen Garten haben und die Grünflächen sogar als Möglichkeit zum Grillen nutzen. Allerorten: Kein Diskurs, nur stiller Rückzug in die Wut und das heimische Wohnzimmer. „Wer kurz nach einer Begegnung mit Tausenden fremdartig erscheinenden Menschen die Parole hört, Deutschland werde überfremdet, ist geneigt, diese zu glauben, auch wenn diese These statistisch oder philosophisch betrachtet ganz großer Bullshit ist“ (sic), so der Autor schließend. Er spart hier auch nicht an Medienkritik, verweist darauf, dass die großen Meinungsmacher in Deutschland vor allem in den Innenstädten angesiedelt sind, in denen Schwärme von grillenden Hipstern und türkische Großfamilien als in Ordnung gelten, ältere Mitbürger aber als Spießer. Insofern ist die Schlussfolgerung logisch, so der Autor, dass die Berichterstattung über die Lebenswelt aller Menschen ,die den Innenstädten nicht angehören, selbigen als ungerecht erscheinen muss. Dann, so der Autor, kamen 2015 die Flüchtlinge und die bereits eingeschlafene Pegida-Bewegung gewann wieder an Fahrt. Diesen Punkt beschreibt er in seinem Leben als das Zerbrechen seiner jugendlichen Illusion, in einem Land zu leben, das hoffnungsvoll und euphorisch Schritt für Schritt in eine liberale, tolerantere Zukunft schritt.

Gesellschaftliche Zyklen

Eine Zukunft, die er mit dem Ende der Ära Kohl definiert. Eine beginnende Begeisterung für den gesellschaftlichen Wandel, ein modernes Familienbild, eingetragene Lebenspartnerschaft und Atomausstieg. Ein Wandel, dessen Höhepunkt auch gleichzeitig der Beginn einer Gegenbewegung war, ausgehend von einem kleinen Kreis marginalisierter Konservativer in der CDU. Mit der Retroperspektive auf das Erstarken dieser Bewegung wird dem Autor selbstkritisch bewusst, dass sein eigenes Heimatgefühl durch Menschen gestört wird, die sich – nicht entsprechend seiner Komfortzone –  zunehmend politisch äußern, und er äußert Angst, selber marginalisiert zu werden. Ein Konkurrenzkampf aller Orten.

Gebrochene Versprechen

Seine politische Analyse beginnt mit dem Aus der Jamaika-Verhandlungen 2017 und dem daraus folgenden Zusammenbruch der SPD und ihrer Flucht in die nächste Große Koalition. Den Christdemokraten wirft der Autor vor, ihrer zentralen Aufgabe – der Herausarbeitung eines zentralen gesellschaftlichen Wertekanons – nicht mehr nachzukommen. Den Sozialdemokraten wirft er vor, ihrem politischen Auftrag – die ökonomisch Schwachen gegenüber den Starken zu verteidigen – nicht mehr nachzukommen. Es sind Forderungen, die landläufig und gerechtfertigt an die große Koalition gestellt werden müssen, deren konkrete Auswirkung auf die Wahlentscheidung aber schwerlich prognostizierbar sein dürfte. Die Konsequenz einer fehlenden moralischen Gestaltungskraft durch die CDU sieht er gleichwohl im Erstarken des Rechtspopulismus. Dessen Wurzeln sieht er aber auch in der fehlenden Gesprächsbereitschaft der Menschen untereinander, dem Fehlen an Solidarität. So sei nunmehr bald 30 Jahre nach dem Mauerfall der Osten Deutschlands unter westdeutschen Bürgern vor allem mit rechten Umtrieben assoziiert. Die Bürger im Osten der BRD wiederum sind, so Flügge, durch das gebrochene Versprechen des Aufstiegs und der Integration durch die SPD der Politik entfremdet. Ein Großteil der Gesellschaft verdient heute weniger als oder gleich viel wie vor zwanzig Jahren. In den immateriellen Kategorien des Aufstiegs, wie der Bildung, stagniere die Entwicklung ebenfalls, konstatiert der Autor. Die Dauer bis zum statistisch feststellbaren sozialen Aufstieg – hier zitiert Flügge OECD-Studien – beträgt in Deutschland im Schnitt sechs Generationen. Das Scheitern der politischen Linken in Deutschland, hierfür politische Lösungen (nicht Problembeschreibungen, die eher für ein akademisches Publikum gedacht sind) zu liefern, sei der Moment des Scheiterns der politischen Linken in Deutschland. Der Autor, selbst Mitglied der SPD, widmet seiner Partei nun gleich mehrere Kapitel, kreidet ihre akademische Sprache an, ihr Versteckspiel hinter unsinnigen programmatischen Beschlüssen, die für die Mehrheit der Bevölkerung keinerlei Bedeutung haben und ihre Entfremdung von den „einfachen Menschen“, für die der unspezifische Sprachstil der Partei schlicht unverständlich wirkt. Und so konkludiert er auch: Die SPD müsse eine radikal einfachere Sprache finden.

Medienkritik

„Die Medien in Deutschland stecken in der Krise. Absatzzahlen von gedruckten Zeitungen sinken, der Online-Journalismus hat viel zu oft kein Geschäftsmodell. Immer häufiger geht es nicht um neutrale Berichterstattung, sondern um Effekthascherei. Man möchte die schnellste, die aggressivste und die hysterischste Meldung erzeugen, nur um die Leute zum Klicken zu bringen.“ Den Konsumenten, namentlich den AfD-Wählern, gesteht der Autor zu, sich aktiv um Quellen zu bemühen, diese aber nicht zu differenzieren. So habe Russia Today oft den gleichen Stellenwert wie die FAZ, der Focus sei gleichrangig dem SPIEGEL und Blogs genauso valide wie die Süddeutsche Zeitung. Die Wahrscheinlichkeit zur fehlenden Quellenkritik sieht er vor allem bei geringerer Bildung der Rezipienten, wobei er das Kreuz für die AfD auch bei hoher Bildung nicht ausschließt. Den Terminus der Lügenpresse sieht er hier als Gegenentwurf von Rechtsaußen, der die fehlende Quellenkritik durch massive Vereinfachung der Faktenlage egalisiert. Dafür sieht er den Osten der Republik besonders anfällig, der über 45 Jahre DDR-Diktatur das Misstrauen gegenüber den Staatsmedien gelernt hatte. Entscheidend, so Flügge, ist die Aussage, dass Deutschland überfremdet werden könne. Allein das, so der Autor, habe gereicht, eine Welle der Angst in Bewegung zu setzen. Geschichten aus deutschen Großstädten wirkten als Katalysator für die verängstigte Landbevölkerung. Das rationale Argument „hier gibt es doch keine Ausländer“ verfing sich im Widerspruch „hier gibt es NOCH keine Ausländer.“

Ein bayrischer Horst

In Horst Seehofer macht Erik Flügge einen Hauptprotagonisten des Verfalls der Medien aus. 2015 begann Seehofer mit einem prekären Doppelspiel, sorgte durch das Regieren auf der einen Seite dafür, dass Bayern relativ gut durch die Flüchtlingskrise kam, und postulierte fortwährend nach Berlin, dass Bayern am Rande des Kollaps sei. Medien, die über das gute bayerische Management berichteten, wurden so schnell unter den Lügenpresse-Vorwurf gestellt. Dann kam die Silvesternacht in Köln, und der Staat versagte vollständig, und das kleine geschürte Feuer von Seehofer brannte plötzlich lichterloh und mit ihm das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Auswege aus der Krise

Als ein Ausweg aus der Krise sieht der Autor ausgerechnet die Bild. Ihr möchte er die Aufgabe zuteilen, einfache Fakten möglichst wahrheitsgetreu an das einfache Volk zu vermitteln, um politische Bildung nicht mehr nur der Mittel- und Oberschicht zuzugestehen. Sollte diese sich dem verweigern, sieht der Autor die Lösung nur noch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sich einen boulevardesken Anstrich zu geben. Darin unisono, spricht Flügge, solle sich die Erziehung zur Quellenkritik anschließen. Es sei wichtig, dass der abgehängte Teil der Gesellschaft von öffentlichen Informationen nicht mehr ausgeschlossen wird und sich zum anderen in öffentlichen Informationsaussendungen repräsentiert fühlt. Als Resultat solle die gesamtgesellschaftliche Diskursfähigkeit wiederhergestellt werden. Aus den daraus entstehenden Reibungsenergien, so der Autor, könne letztlich wieder so etwas wie ein gesellschaftlicher Aufbruch entstehen, eine Synergie, die zuletzt lange nicht mehr spürbar war. Dafür brauche es direkten Kontakt, echten Austausch, gegenseitiges Kennenlernen als politisch mehrheitsfähige Zukunftsstrategie. Damit beende ich auch das Buch mit einem zufriedenen Gefühl.

Fazit: Flügge hat der Medienkritik in seinen Ausführungen weniger Raum gegeben, und zu vermissen sind hier mehr Ratschläge, wie die Medien sich tatsächlich verändern können. Denn fraglich ist, ob es mit einem Boulevard-Magazin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks getan ist, bedenkt man das praktisch nicht mehr vorhandene Vertrauen, das öffentlich-rechtliche Medien in Teilen der Bevölkerung genießen. Generell ist seine Auffassung eines Informationsdefizits in Teilen der Bevölkerung aber korrekt. Deren Belange greift Flügge durch seine anschaulichen Betrachtungen sehr gut auf und verfasst damit ein sehr anschauliches Werk, das aufgrund seiner Kürze vor allem zu weiteren Selbststudien und Überlegungen anregt. Empfehlung: Als Inspirationslektüre lesenswert!

Deutschland – du bist mir fremd geworden. verlagsgruppe Random House, Kösel-Verlag, 2018. ISBN: 978-3-466-37228-7

Bild: Kösel Verlag

Hymnen-Hysterie

Welche Bedeutung hat das Absingen eines 177 Jahre alten Liedes für die Würdigung der Leistung, oder Nicht-Leistung eines Sportlers in der umsatzstärksten existenten Sportbranche? Glaubt man manchen Zeitgenossen, möchte man denken: Die Welt und noch viel mehr. Brudolf sieht dafür keinen Platz im Fußball. In eine völlig unglaubwürdig gewordene Branche etwas hineinzuinterpretieren, das im Alltag vieler Menschen keine Rolle mehr spielt, ist mehr als flüssig.

Es war der 27. Juni um 18:51 Uhr in der Kazan-Arena, Russland. Der Koreaner Son Heung-min zementierte in der 96. Minute mit seinem 2:0 die ohnehin schon feststehende Tatsache des Ausscheidens der deutschen Nationalmannschaft aus der Fußball-Weltmeisterschaft und das Ende eines bis in die Unendlichkeit prolongierten Sommermärchens. „Gott-sei-dank“, dachte sich der Autor und freute sich auf den Neuanfang. Noch nicht wissend, dass der Bundes-Jogi rund eine Woche später einen Rücktritt ausschließen würde. Weil Rücktritte im Deutschland des Jahres 2018 nicht mehr üblich sind. Da nach dem Spiel vor dem Spiel ist (aber nicht vor dem nächsten, sondern vor dem vergangenen Spiel), begann danach der Reigen der selbsternannten Fußballexperten das Ergebnis zu analysieren. Darunter: Der Vorwurf, fehlendes Nationalgefühl, ausgedrückt durch Erdoğan-Fotos und das Schweigen bei der Nationalhymne, auch vor demonstrativ-penetrant vor dem Gesicht fixierter Kamera, habe die Schmach von Kasan verursacht. Und dann brachte eines dieser enfants terribles auch noch die Dreistigkeit auf, die seinen Eltern großmütig entgegengebrachte Gastfreundschaft in Deutschland mit einem Rücktritt aus der Nationalmannschaft zu beantworten. Der Skandal war für ein paar Wochen perfekt. Nun sind wir wieder in den Fußballalltag eingegangen. Auch die Ergebnisse bleiben das, was sie bei der WM waren: schlecht.

Schwere Branche

Die zwanzig umsatzstärksten Fußballclubs der Welt setzten im Jahr 2016/2017 eine Summe von 7,9 Milliarden Euro um. Das ist ungefähr 26 Mal mehr als die Deutsche Basketball-Bundesliga, die Handball-Bundesliga und die Eishockey-Liga zusammengerechnet und gefühlt Tausende von Lichtjahren von Niederungen des Amateur-Fußballs entfernt, in dem nicht minder engagierte Spieler und Spielerinnen sich ihren Lebensunterhalt neben dem Fußball verdienen müssen. Der Fußball hat jegliche Maßstäbe verloren und das haben auch seine Fans, die in ihren Fankurven Fußballern zujubeln, deren Jahreseinkommen sie alle zusammengenommen nicht erreichen würden. Zur Kritik braucht es nicht mal eine durch Korruption durchseuchten FIFA, die sich natürlich unter Gianni Infantino nicht geändert hat. Ein Blick auf die Zahlen genügt. Und selbst das Millionengehalt, das Spieler wie Messi oder Ronaldo erhalten, hat beide nicht davon abgehalten, dem noch einen Steuerbetrug daraufzusetzen.

Emotionen und Realitäten

Von wem verlangt man daher hier ein Bekenntnis in welcher Form und zu was? Unbenommen ist der Fakt, dass ein gemeinsames Symbol, eine Hymne, egal welcher Art, einen identitätsstiftenden Charakter haben und darüber so etwas wie Gemeinschaftsgefühl stiften kann. Aber auch nur dann, wenn man diesem Symbol eine solche Bedeutung beimisst. Die Entscheidung darüber ist jedem Menschen selbst überlassen, ob er in der Nationalmannschaft spielt oder vor dem heimischen Fernseher sitzt. In jedem Fall ist sie keine Möglichkeit des Rückschlusses auf das zu erwartende Ergebnis eines Spieles. Die Psychologie des Fußballsports ist ohnehin ein komplexes Gebiet. Es existiert auf den ersten Blick kein rationaler Grund dafür, dass eine Mannschaft eine Saison lang einen guten Fußball spielt und in der Folgesaison nicht mehr. In der Regel bedient man sich dann der Methode des Trainerwechsels, um dem Team wieder neuen Schwung zu geben. Möglicherweise wäre dies auch vor der Fußball-WM 2018 für den DFB besser gewesen. Was verbleibt? Eine scharfe Trennlinie zwischen den „gebürtigen Deutschen“ und den „Deutschen mit Migrationshintergrund“, wenn es um die Hymne geht. Den Kritikern daran ist offensichtlich auch nicht bewusst, dass die deutsche Nationalhymne mit ihrer getragenen Melodie aus Haydn’scher Komposition gar nicht mit Inbrunst gesungen werden kann, ganz im Gegenteil zu so mancher Hymne lateinamerikanischer Staaten, deren Komponisten sich des Häufigeren von Verdi inspirieren ließen. Während die Italiener ankündigen, dass sie „bereit zum Tod“ sind, und die Franzosen kämpfen wollen, „bis unreines Blut unserer Äcker Furchen tränkt“, beschwören die Deutschen „Einigkeit und Recht und Freiheit“, die bekanntlich das Unterpfand des Glückes sind, in dessen Glanz das Vaterland blühen möge. Ein erstaunlich moderner und moderater Sound für eine Dichtung von 1841, aus der Frühzeit des Nationalismus, und sicherlich kein Kampflied für die Fußballschlacht.

Fussball International

Die Mannschaft war seit jeher auffällig international aufgestellt. 14 von 23 Spielern des WM-Aufgebots von 2010 hatten unmittelbare Wurzeln im Ausland, auch wenn sie in Einzelfällen in Deutschland geboren wurden. Eine wie auch immer geartete Affinität zum Land, in dem derzeit der Wohnsitz besteht, so die landläufige Annahme, muss eine Einbahnstraße sein, wonach die Integration nach der Migration ausschließlich eine Bringschuld derer sei, die sich in Deutschland aufhalten und dabei nicht auch gleichzeitig den Aufenthalt ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern am gleichen Ort nachweisen können. In meiner Gegend, der schwäbischen Provinz, nennt man dies „nei-gschmeckt“. Hier gehört man erst dann zur Dorfgemeinschaft, wenn man über zwei, drei Generationen brav am Dorffest mitgeholfen hat, Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr und dem Schützenverein ist und selbstverständlich Handwerkeraufträge nur im dörflichen Bekanntenkreis vergibt. Man kennt sich eben. Für Menschen, die einen anderen Sozialisationshintergrund haben und das ist (im schwäbischen Fall) so ziemlich für jeden Menschen nördlich des Neckars und östlich des Rheins der Fall, kann diese Enge derart erdrückend sein, dass sie schließlich eine Exit-Strategie wählen, und wenn es der öffentlichkeitswirksame Rücktritt ist. Aus diesem Klima der ständigen Forderung einer auf die Migranten relativ unattraktiv wirkenden Majoritätsgesellschaft heraus kann so etwas wie Nationalliebe nicht entstehen. Integration kann gefordert werden. Zuneigung muss verdient werden. Und diese ist auch regelmäßig nicht die ursprüngliche Triebkraft einer Nominierung in die Nationalmannschaft. Wer dies vermutet, lügt sich selbst in die Tasche. Doch können andere Motive eine Rolle spielen für die gute (oder schlechte) Leistung auf dem grünen Rasen. Die Mitspieler in der Mannschaft, der motivierende Trainer, die Freunde, die Familie, die Karriere, der Ehrgeiz, der Druck, den Titel der weltbesten Mannschaft verteidigen zu müssen (der schon so viele Teams vor der deutschen Mannschaft hat scheitern lassen), die durch den DFB ausgelobte Prämie. Die betrug zur WM 2018 übrigens: 75 000 € für das Erreichen des Viertelfinales, 125 000 € für den Halbfinaleinzug, 150 000 € für den dritten Platz, 200 000 € für die Teilnahme am Finale und 350 000 € hätte es bei der erfolgreichen Titelverteidigung gegeben. Zusammengenommen also 750 000 € für den Durchmarsch zum fünften Titel. Gebracht hat es in diesem Fall nichts.

Wenn der Euro rollt

Die Fußballverbände dieser Welt sind sehr kreativ, wenn es darum geht, Spieler in der eigenen Fußball-Nationalmannschaft unterzubringen. Einbürgern um jeden Preis, auch wenn es nur ein kurzer Aufenthalt sein wird. Hier verspricht man sich seitens der Verbände einen Erfolgsschub für die eigene Fußball-Nationalmannschaft. Kann sich noch jemand an Paulo Rink von Bayer Leverkusen erinnern? Gleich nach dem ersten Jahr seines Aufenthalts in Deutschland wurde er für die deutsche Nationalmannschaft eingebürgert. Der Hintergrund: Rinks Urgroßvater wanderte 1904 von Heidelberg nach Brasilien aus. Das fanden durch den DFB beauftragte Ahnenforscher heraus. Für die deutsche Fußballnationalmannschaft spielte Rink von 1998 bis 2000 insgesamt 13 Male und stand im Kader der Nationalmannschaft beim Konföderationen-Pokal 1999 und der Fußball-Europameisterschaft 2000. Es sei hier erwähnt, dass Paolo Rink in diesen 13 Spielen kein einziges Tor geschossen hat, obwohl er gelernter Stürmer ist. Hat diese Einbürgerung irgendeinen Vorteil für Deutschland gebracht? Nein, denn Paulo Rink hat fünf Jahre nach seiner Einbürgerung seine fußballerische Welt-Tournee aufgenommen. Nach Griechenland, Holland und Südkorea lebt Paulo Rink heute wieder in seiner Geburtsstadt Curitiba in Brasilien. Dort hat er eine Stiftung für benachteiligte Kinder gegründet. Sein Lebensmittelpunkt war und ist Brasilien. Vergessen wir daher doch mal den Faktor Nationalität im Fußball und sehen ihn als das, was er ist: ein Geschäft. Wer den Fußball noch in seiner unkorrumpierten Form und Spieler und Spielerinnen sehen möchte, die wirklich für ihr Team antreten und nicht für das Geld, dem sei ein Blick in andere Sportarten oder untere Fußballligen nahegelegt. Ein spannender Film zum Thema findet sich bei The Other Final– Das andere Finale (Dokumentarfilm, 2003, Johan Kramer). Er handelt von der Vorbereitung und dem Spiel zwischen Bhutan und Montserrat, den damaligen Letzten und Vorletzten der Fifa-Weltrangliste. Das Spiel fand zeitgleich mit dem WM-Endspiel 2002 zwischen Brasilien und Deutschland statt. Weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Adidas und Nike, Sponsoren der Deutschen und Brasilianer zeigten auf Nachfrage kein Interesse am Spiel, das mit 25 000 Zuschauern ausverkauft war. Bhutan gewann übrigens 4:0

Bild: Welt.de – die WM-Auswahl 1974 sang keine Hymne – und gewann den Titel.

 

Neulich auf dem Amt

Brudolf leitet beruflich eine Sozialberatungsagentur und ist regelmäßig im Auftrag von Klienten auf deutschen Ämtern unterwegs. Dort stellt er immer wieder fest: Klienten sind vom Merkur, Beamte vom Pluto. Über den Umgang zwischen Beamten und Empfängern von Sozialleistungen.

Die Kommunikation zwischen Sozialberater, Klient und Amt ist eine bisweilen frustrierende Aufgabe, die mit einer gewissen Portion Sarkasmus zu einem doch recht vergnüglichen Ereignis werden kann. Zentral bleibt aber stets die eine Erkenntnis: Der beste Umgang mit Ämtern ist, nicht auf sie angewiesen zu sein. Natürlich sind viele Menschen dazu nicht in der Lage. Sie sind verschuldet oder auch unverschuldet in eine missliche Lage geraten, leiden unter Krankheiten, sind gesellschaftlich marginalisiert, was den Aufstieg aus einer schwierigen Situation umso komplizierter macht. Aus unterschiedlichen Gründen sind diese darauf angewiesen, bei ihrer Kommunikation mit Ämtern auf Hilfe zurückzugreifen. Manchmal ist es die eigene Behinderung, die eine asymmetrische Situation weiter verschlimmert. Für solche Menschen bin ich zuständig.

Reise zu anderen Sternen

Es beginnt meistens mit einem simplen Telefonanruf, in dessen Vorfeld meist eine Schweigepflichtentbindung per Mail verschickt wird. Jeder Mitarbeiter einer Behörde lernt in seiner ersten Schulung zu prüfen, ob er überhaupt einmal zuständig ist, und die erste Einschätzung, die sich telefonisch erhalten lässt, ist in der Regel die Bitte, sich bei der anderen Behörde zu melden, da diese in diesem Fall zuständig sei. Die Schnelligkeit dieser Überprüfung erstaunt mich regelmäßig zutiefst, da die meisten Behörden (Arbeitsagentur, Rentenversicherung, Jugendamt etc.) nicht eben für eine schnelle Prüfung eines Sachverhaltes bekannt sind. Zwar ist laut der neuen Gesetzeslage jede Behörde dazu verpflichtet, einen Antrag auf soziale Leistungen der Teilhabe, der Rehabilitation oder der sonstigen Fürsorge anzunehmen und bei einer Prüfung der eigenen Zuständigkeit, sofern diese nicht vorliegt, binnen zwei Wochen an den zuständigen Träger weiterzuleiten, doch wird diese Frist durch das Verschieben der Akte zwischen Mitarbeitern gerne einmal verlängert. Es existiert unter meinen Kollegen aus anderen Dienststellen sogar der (meiner Meinung nach) Mythos, dass es ein Sozialamt gegeben habe, dass die Akten an Bindfäden an der Decke befestigt habe. Erst wenn der Bindfaden der Schwerkraft nachgegeben habe, sei die Akte bearbeitet worden. Damit habe das Amt aber immer noch über dem Durchschnitt hinsichtlich seiner Bearbeitungszeit gelegen. In jedem Fall scheint die Frage der Zuständigkeit stets eine Grundsatzfrage zu sein, so antwortete in diesem Fall der Mitarbeiter der anderen Behörde, dass seiner Erkenntnis nach doch die Mitarbeiterin der ursprünglichen Behörde zuständig sei. Ein Katz- und Mausspiel, dass an das „Haus der Bürokratie“ aus der Comic-Serie Asterix und Obelix erinnert. Und das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Präventive Ablehnung

Ist letztlich nach einem guten Jahr des Schriftverkehres nebst Klageandrohung die Zuständigkeit endlich festgestellt, kann ans Eingemachte gegangen werden und ein Antrag wird gestellt. Dieser wird von einigen Kostenträgern erst einmal präventiv abgelehnt, da rund 60 Prozent der Antragsteller nicht in das Widerspruchsverfahren gehen. Und so geht das Spiel in die nächste Runde. Hin und wieder werden auch Lokalbesuche auf dem Amt nicht ausbleiben. Insbesondere der Besuch auf dem Jobcenter ist für viele Klienten eine eindrückliche Erfahrung. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dieser Agenturen sind regelmäßig mit Fällen konfrontiert, die sich letztlich in eine Verweigerungshaltung begeben haben. Entsprechend unwillig wird hier auch der durchschnittliche Kunde begrüßt. Natürlich muss das Jobcenter auch kein Ort des Wohlgefallens sein, denn geht es hier darum, dass staatliche Leistungen bezogen werden sollen, und dieser Bezug sollte gering gehalten werden. Schließlich macht die Summe der Bezüge von Grundsicherung in der Regel rund zehn Prozent des jährlichen Bundeshaushaltes aus. Und dennoch ist es für einige Kunden der Ort nicht zu erstrebenden Wiederkehr. Sogar das räumliche Ambiente spricht hier Bände. Ist die Arbeitsagentur mit Pflanzen dekoriert und hat eine offene Raumgestaltung, dominiert im Bereich des Jobcenters nüchterne Klarheit und Massenabfertigung. Man kann beiden Seiten die Verzweiflung ansehen, die sie befällt. Natürlich gibt es auch mutige und engagierte Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen, doch kommt es einmal zum Gespräch, dominiert oft die Unkenntnis gegenüber den Klienten, die sich mit Abschlusszeugnissen aus Maßnahmen meist alle Wände tapezieren können. Eine Anekdote, die ich mir stets gerne behalte, ist die Aufforderung einer Sachbearbeiterin, der Klient möge bitte auf Monat und Jahr genau angeben, wann seine psychische Erkrankung beendet sei. Ja, wenn es doch immer so einfach wäre.

Safer-correspondence

Da bleiben wir doch lieber im Schriftverkehr. Der ist frei von humanen Fehlermöglichkeiten. Und erntet man hier das übliche Schweigen der Behörden, hilft nach sechs Monaten die Untätigkeitsklage. Dann geht es meistens schnell.

Ich habe einen Traum…

Wohin entwickelt sich unser Land? Und wohin entwickelt sich Europa? Wo wollen wir in Zukunft stehen? Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Wir sind verbittert und voller Neid geworden. Die Vision einer Solidargemeinschaft, die sich letztlich in einem größeren Maßstab nach Jahrhunderten des Krieges und des Leids in der Gründungsakte der EU niederschlägt, scheint im Deutschland dieser Tage nicht mehr präsent zu sein. Zumindest mag man dies beim Glauben an die verschiedenen Unkenrufe vermuten, wie sie beispielsweise in den allabendlichen Talkshows zelebriert werden. Dem möchte Brudolf folgende Frage entgegenstellen: Was ist eigentlich euer Problem?

Ich habe einen Traum. So sprach der berühmte Bürgerrechtler Martin Luther King am 28. August 1963 vor dem Lincoln Memorial vor 250 000 Menschen in Washington, D.C. Auch wenn diese Worte mittlerweile überstrapaziert sind, so genießen sie doch nach wie vor Konjunktur. So sprach der glücklose Kandidat der SPD, Martin Schulz, im letzten Bundestagswahlkampf noch von einem Traum von Europa, wertvoller als Gold. Dafür wurde selbiger so reichlich durch den Kakao gezogen, dass man schon verwundert zurückbleibt mit der Frage, welche Vorstellungen von Europa denn die Autoren solcher Verrisse haben.

Europa vs. Nation?

Der biedere Rückzug in die Heimeligkeit des eigenen nationalstaatlichen Denkens ist wieder salonfähig geworden. Da spielt das ewige Vorurteil einer überbürokratisierten, technokratischen und bürgerfernen Politikelite in Brüssel wunderbar in das Konzept der heimischen Politdemagogie, die sich lüstern genüsslich auf jedem marketingtechnischen Lapsus der EU wälzt (man denke da nur an die genormten Gurken), bis dem Betrachter schon fast schlecht wird. Sachargumente oder gar Errungenschaften der EU (wie z. B. die Abschaffung des Roamings, vereinheitlichte Entschädigungen bei Zug-Verspätungen etc.) spielen dabei keine Rolle. Übrigens genehmigte sich die EU 2014 einen Haushalt in Höhe von 142,7 Milliarden Euro. Das entspricht in etwa der Hälfte des deutschen Bundeshaushaltes zu diesem Zeitpunkt oder etwa einem Prozent der Wirtschaftsleistung aller (noch) 28 Mitgliedsländer. Rund 40 000 Beamte verwalten die EU von ihren verschiedenen Standorten aus. Die Stadt Hamburg alleine leistet sich – nur zum Vergleich – derer 60 000. Fakt ist: Die EU arbeitet nicht ineffizienter als jedes beliebige Mitgliedsland und im Zweifelsfall sogar effizienter. Sachargumente seien hier – wie gesagt – geschenkt. Aus diesem Grund verabschieden sich Demagogen wie der Brexit-Politiker Nigel Farage auch, sobald sie ihren veranschlagten Maximalschaden verursacht haben, aus der Politik. Zurück blieben in Britannien vor allem junge Bürger, die sich verwundert die Augen rieben, als sie feststellten, dass ein Austritt aus der EU – dies gilt vor allem bei einem Austritt ohne Deal – sie reihenweise ihrer Zukunftschancen in einem geeinten Europa beraubt. Das betrifft dann zum Beispiel das Studieren im Ausland, die Urlaubsreise, schlicht alles, was die Grenzen der dann so ziemlich isolierten Hochseeinsel überschreitet. Sollte einem der Hardliner in London die Rückkehr des Empire vorgeschwebt haben – davon sind die Engländer im Moment weiter entfernt als je zuvor.

Entscheidungen verschlafen

Wie konnte es soweit kommen? Eine südamerikanische Politikerin äußerte vor einigen Monaten Folgendes: „Das größte Problem der Welt besteht aus alten Männern mit gewisser Machtfülle, die wehleidig an ihre Vergangenheit denken und versuchen, das Rad der Zeit zurückzudrehen.“ Der Brexit bestätigte diese Theorie vollumfänglich. Lediglich 20 Prozent der 18- bis 24-Jährigen stimmten für den Austritt aus der EU. Dafür rund 63 Prozent der über 65-Jährigen.
Die polnische PiS-Partei hatte bei den Parlamentswahlen 2015 einen Stimmenanteil von 47,1 Prozent bei den Menschen über 60 und einen Anteil von 25,8 Prozent bei den unter 30-Jährigen. Lediglich die deutsche AfD springt hier nicht ins Glied. Sie ist am stärksten bei den Wählern zwischen 35 und 44 Jahren. Überdurchschnittlich viele Stimmen erhalten von älteren Menschen in Deutschland die CDU und die SPD. Dies dürfte vor allem dem traditionellen deutschen Phlegma geschuldet sein, so zu wählen, wie man schon immer gewählt hat, um das Ergebnis so kalkulierbar wie möglich zu halten. Macht uns dies zum ewigen Mitglied in der EU? Wohl kaum. Auch wir sind empfänglich für die Angst vor einer immer komplexer werdenden Welt.

Angst vor Allem

Dieser Spruch, ebenfalls inflationär immer dann benutzt, wenn Politiker das AfD-Phänomen erklären sollen und sich dabei bemühen, so etwas wie Empathie gegenüber den „abgehängten“ Menschen in unserer Gesellschaft zu suggerieren, ist zum einen sicherlich wahr, zum anderen aber ein Paradoxon an sich. Drei repräsentativ angelegte Studien trugen im Mai dieses Jahres zu einer Veröffentlichung der Konrad-Adenauer-Stiftung bei. Diese erfasste unter anderem Items wie Pessimismus vs. Optimismus in den Wählerstrukturen der Bundesparteien. Wähler der Grünen, der SPD, der CDU/CSU und der FDP blickten mit Werten zwischen 76 und 85 Prozent grundlegend optimistisch in die Zukunft. AfD-Wähler hingegen blickten zu 85 Prozent pessimistisch in die Zukunft. Ein Großteil der 1504 Befragten ordnete der AfD selbst Attribute wie Angst, Wut, Unbehagen und Empörung zu. AfD-Wähler hingegen ordneten der Partei überwiegend Attribute wie Sicherheit, Vertrauen, Zuversicht, Zufriedenheit und Hoffnung zu. Es bestand also ein krasses Missverhältnis zwischen Selbst- und Fremdbild der Partei. Ein größerer Anteil der Gesellschaft wiederum empfindet ebenfalls Angst, wählt aber dahingehend nicht Rechtsaußen. In regelmäßigen Umfragen vor der letzten Bundestagswahl wurden die wichtigsten Themen der Wähler erfasst. Regelmäßig stand dabei nicht der immer unaufhaltsamere Klimawandel, nicht die Altersarmut, nicht internationale Konflikte auf Platz 1, sondern die Integration von Flüchtlingen. Auch 2018 stehen fünf der zehn größten Ängste der Deutschen immer noch im Zusammenhang mit dem Flüchtlingszuzug. Lediglich der erste Platz wurde durch den psychotischen Herrscher im Weißen Haus übernommen. Es sei hier die ketzerische Frage erlaubt, wie viele Deutsche seit 2015 überhaupt persönlichen Kontakt zu Flüchtlingen hatten. Sobald im Raum steht, dass ein Flüchtlingsheim errichtet werden soll, wird dagegen regelmäßig aufbegehrt nach dem Motto: Nicht in unserer schönen, friedlichen und ordentlichen Nachbarschaft mit ihren gepflegten Vorgärten und Gartenzwergen. Welch langweilige Vorstellung.

Eine scheinkomplexe Realität

Was ist es denn, das unsere Welt so komplex macht, dass man sich vor ihr verstecken möchte? War die Welt vor 1990 noch in den „guten“ Westen und den „bösen“ Osten unterteilt, kann sich diese bipolare Weltordnung niemand ernsthaft zurückwünschen. So ist es der US-Präsident, der in fast schon schelmenhaft-kindischer Art und Weise die Androhung der totalen nuklearen Vernichtung wieder en vogue gemacht hat. Es fällt immer noch schwer zu glauben, dass Donald Trump keine Kunstfigur ist. Hätte er jedoch zur Zeit des Kalten Krieges die USA regiert – das Schicksal der Welt hätte möglicherweise einen anderen Ausgang genommen. Niemand will das. Ich will das nicht. Europa ist erwachsen geworden – glücklicherweise – und Deutschland mit ihm. Das bedeutet Verantwortung und die Bereitschaft, sich mit europäischen Partnern auf Augenhöhe auseinanderzusetzen. Die Komfortzone der alliierten Besetzung, in der wir es uns jahrzehntelang gemütlich gemacht hatten, besteht nicht mehr. Darin besteht aber auch eine große Chance. Das Potential, mit zu entwickeln und mit zu gestalten. Und was kann dabei effektiver sein, als mit Menschen anderer Länder und Kulturen an einer neuen, gemeinsamen Zukunft zu arbeiten? Dabei voneinander zu lernen und Synergien zu bilden. Der grenzüberschreitende Austausch hat durch Schengen und eine gemeinsame Währung massiv an Komplexität verloren. Zugleich sind aber auch die Zeiten vorbei, in denen die Deutschen als Europas Reisevölkchen Nummer eins in jeder griechischen Taverne selbstverständlich auf Deutsch bedient werden. Wir können uns die Arroganz, das deutsche Wesen für die Genesung der Welt zu halten, schon lange nicht mehr leisten. Es ist in keinster Weise gesagt, dass die sogenannten deutschen Tugenden (die allein schon aufgrund der kurzen Existenz des deutschen Nationalstaates wohl kaum als solche bezeichnet werden können) eine Ultima ratio für das gesellschaftliche Zusammenleben darstellen. Betrachten wir hier nur einmal die wirtschaftliche Komponente: Im globalen Innovationsindex lag Deutschland 2017 auf Platz 9. Die Weltorganisation für geistiges Eigentum (Wipo) errechnete in 130 Ländern aus Patentanmeldungen, Bildungsausgaben, Zusammenarbeit von Hochschul- und Industrieforschung und der Qualität wissenschaftlicher Publikationen einen vergleichbaren Punktewert. Vor Deutschland positionierten sich unter anderem die Schweiz (1), Schweden (2), Niederlande (3), USA (4). Weltmeisterlich ist das sicherlich nicht. Betrachtet man die Gesamtzahl eingereichter Patente, verliert die EU-Zone seit Jahren an Boden und steht mit 14 Prozent Anteil an den neu eingereichten Patenten hinter den USA, China und Japan. Und da soll ein zersplittertes „Europa der Vaterländer“ zukünftig an Boden gewinnen? Europa wird zwischen den globalen Supermächten zermahlen, und alles, was uns dagegen hilft, ist Einigkeit, nicht Zerstrittenheit. Wir verhalten uns im Moment wie ein Mensch, der sich aus Angst vor der Krankheit selbst umbringt.

Selbstmord als Alternative zum Sterben

Ganz abseits davon, dass sich die gesellschaftliche Prosperität sicherlich nicht nur an deren wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit bemessen lässt, wird der freie Erfindergeist sicherlich nicht durch Protektionismus ermutigt. Doch da ähnelt das Programm der AfD erstaunlich stark der Trump’schen Wirtschaftspolitik. Maximale Forderungen, bei minimaler Programmatik. Ein an sich entlarvender Duktus. Doch wird statt Fortschritt nun wieder der Muff des immer Gleichen betont, Ordnung und Recht zu den heiligen Fetischen eines ganzen Volkes erhoben. Es werden Grenzen gesetzt. Zuerst in den Köpfen, dann im Alltag. Welch einengende Vorstellung.

Digitale (un-)Mündigkeit

Die Digitalisierung unseres Alltags wird ebenfalls regelmäßig als Komplexitätsfaktor genannt. Wir erleichtern unseren Alltag durch mobile Geräte und können doch ohne sie fast nicht mehr leben. Ich bemühe mich, dies nachzuvollziehen. De facto sind wir unseren schlauen Alltagshelfern ausgeliefert. Doch wo bleibt hier die Mündigkeit des Konsumenten? Wenn das Smartphone nervt – schalt es aus. Wenn die Talkshow im Fernsehen nervt – schalt ihn aus. 36 Prozent der deutschen Fernsehzuschauer schalten jeden Abend um 20:00 Uhr zur Tagesschau ein. Warum eigentlich? Weil das immer gleiche Ritual uns so etwas wie Halt gibt, uns von der Ödnis unserer Realität betäubt. Erheben wir uns davon !

Anekdote aus dem Straßenwahlkampf

Hier fällt mir immer wieder beispielhaft eine Anekdote aus dem Straßenwahlkampf ein. Eine bereits sichtbar auf Krawall eingestellte, pummelige Dame mittleren Alters kam 2017 auf unseren Stand zu und beschwerte sich darüber, dass sie als Deutsche nicht mehr mit der S-Bahn fahren könne, da sie dort von Horden von schwarzafrikanischen Flüchtlingen angestarrt werde. Unbenommen meiner grundlegenden Zweifel gegenüber diesem Szenario, äußerte ich der Dame gegenüber, dass Flüchtlinge mit wenig Geld eben mit der S-Bahn fahren würden und nicht mit dem Auto. Daraufhin echauffierte sich die Dame darüber, dass ich ihr unterstellt habe, nicht genug Geld für ein eigenes Auto zu haben, kurzum, sie auf eine Stufe mit schwarzafrikanischen Flüchtlingen gestellt zu haben. Es ging hier nie um ein politisches Problem, sondern darum, dass eine Wutbürgerin in ihrer Phantasie bestätigt werden möchte, dass sie von der Politik verachtet wird, um sich selbst eine Legitimation für ihren Hass zu geben. Dabei dürfte vor allem ein klares Motiv eine Rolle gespielt haben: Die Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg und die daraus entspringende Verachtung von noch schlechter gestellten Menschen. Gleichzeitig scheint vielen „Wutbürgern“ die Erkenntnis abhanden gekommen zu sein, dass in diesem Land nach wie vor (bei allen Verbesserungsbedürfnissen) ein Leben in bescheidenem Umfang bei gesicherter Grundexistenz für jeden Menschen möglich ist. Ein Leben, in dem trotzdem vieles ungerecht ist und in dem individuelles Leid oft ungesehen bleibt. Doch verhält es sich mit dem Leid nun wie folgt: Es ist stets individuell, daher aber auch relativ. So fehlt vielen dieser Menschen vor allem eines: Demut angesichts der eigenen, doch recht geringen Bedeutung unter acht Milliarden Menschen und so etwas wie Gelassenheit.

Homo homini lupus

Die vorher erwähnte Dame ist sicherlich kein Einzelfall. Ich kann ein paar Handvoll dieser Geschichten erzählen, nicht nur aus dem (politischen) Alltag. Das Klima in diesem Land ist rauer geworden, die Menschen aggressiver. Und allenthalben erklingt der Ruf nach Recht und Ordnung gegen die subjektiv gefühlten „Zustände“ in diesem Land. Erik Flügge hat mit seinem Buch Deutschland, du bist mir fremd geworden (ISBN: 978-3-466-37228-7) schon den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er moniert, dass nirgends mehr von Fortschritt die Rede ist, sondern nur von der Krise. Diese Krise empfinde ich aber nicht als meine Krise, und meine Sorge um Deutschland ist höchstens theoretischer Natur. Wir haben 2018 ein in unserer Geschichte beispielloses Maß an Freiheit und Verwirklichungschancen erreicht. Die aktuelle Realität zeigt uns, dass hier noch ein gewisser Weg vor uns liegt und der Kampf um diese Freiheiten jetzt aufgenommen werden muss, wenn dieser Weg überhaupt weiter beschritten werden soll. Mir machen keine Flüchtlinge Angst, ich kenne einige ganz gut, und das sind durch die Bank nette Menschen, die sich hier engagieren wollen, die allenfalls als einzigen Makel eine naive Grundvorstellung von ihren Chancen in Deutschland haben. Ich habe auch keine Angst vor Terrorismus. Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 300 Menschen an verschluckten Kugelschreiberteilen (Kinder, kaut nicht auf den Stiften rum!), das sind einige mehr, als bei Terroranschlägen ums Leben kommen. Ich sehe dem europaweiten, rechtskonservativen Gesellschaftsumschwung jedoch mit Sorge zu. Ich habe dabei keine Angst vor der AfD, vor UKIP, vor PiS. Das sind bestenfalls Machtpolitiker, deren Karriere mit ihrer Wählerschaft steht und fällt. Ich mache mir Sorgen, dass Menschen wie die eingangs erwähnte Dame beginnen, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs zu nehmen, dass unsere auf wackligen Füßen stehenden freiheitlichen Errungenschaften, unsere Toleranz fallen, wenn der Spruch: „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ wieder en vogue wird, im besten Fall mit der Argumentation, dass die Linken ja auch ihre Meinung in diesem freien Land sagen dürfen. Aber darf es gegenüber der Intoleranz Toleranz geben? Und besteht nicht ein gewisser Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz?

Toleranz und Intoleranz

Der Soziologe Karl Popper beschrieb es in seinem Toleranz-Paradoxon 1945 in etwa wie folgt: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. Im Namen der Toleranz, so folgerte Popper, sei es daher erforderlich, die Intoleranz nicht zu tolerieren. Es mag sich moralisierend anhören, doch halte ich die Toleranz gegenüber der Möglichkeit der Selbstentfaltung eines jeden Menschen hinsichtlich seiner Wünsche, Vorstellungen, seiner Anlagen und seiner Fähigkeiten für das höchste Gut, das es gegen Intoleranz zu verteidigen gilt. Ja, es gibt eine „richtige“ Moral, dies ist eine humanistische Grundeinstellung und es gibt eine „falsche“ Moral und dies ist eine menschenfeindliche Grundeinstellung. Und ich sage es mit aller Deutlichkeit. Ich kaufe zum jetzigen Zeitpunkt keinem Konservativen und vor allem keinem christlich-konservativen eine echte Toleranz ab. So widerspricht jeder gesellschaftliche, progressive Wandel dem Mantra des bewahrenden Konservativen.

Wider der Argumentationsfalle

Der Ruf nach Toleranz ist ja ein beliebtes Argument aus der rechten Ecke. So würde unlängst argumentiert, dass die Blockade Polens gegenüber einem EU-Beschluss zur Förderung der Gleichstellung von Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuellen von der freien Meinungsäußerung gedeckt sei. Hier bin ich deutlich anderer Meinung. Die Freiheitsrechte eines Einzelnen gehen nicht so weit, dass 27 andere Teilnehmer dafür einen Entschluss nicht verabschieden können. Dasselbe gilt für die weiterhin vorhandene Mehrheit in diesem Land, die sich keinen Rückfall in nationalstaatlichen Isolationismus wünscht. Deswegen fordere ich, dass die Toleranz und unsere Freiheitsrechte durch Aussprache verteidigt werden. Wir können nicht zulassen, dass der Diskurs von denen geführt wird, die persönliche Entfaltungsmöglichkeiten einschränken wollen. Deren Motivation beiseite gelassen besteht einfach kein rationaler Grund dafür, bestimmte Lebensentwürfe, bestimmte Ethnien auszugrenzen, da keine höhere Instanz existiert, welche hierfür eine moralische Richtschnur vorgibt. Und man komme mir hier bitte nicht mit einem christlichen Menschenbild. Das Christentum soll Nächstenliebe verheißen und nicht Abgrenzung. Es ist wichtig, dass wir aussprechen, was nicht gut ist und benennen, was falsch ist. Nur so können wir verhindern, dass derjenige, der wie ein Nationalsozialist spricht, nicht auch als solcher demaskiert wird. Diese Welt gehört uns allen und nicht nur manchen wenigen.

Reflexion und Schicksal

Ein interessantes Zitat, das den Mechanismus einer sich selbst verstetigenden Meinung
beschreibt entspringt dem jüdischen Talmud:
Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

In unserem Fall meinen wir damit im Grunde eine Lüge über die mögliche Inferiorität eines bestimmten Lebensentwurfes gegenüber anderen Lebensentwürfen. Eine Lüge, die so oft wiederholt wird, bis sie als gesellschaftlich akzeptiert und damit wahr gilt.

Anmerkung: Regelmäßig wird im gleichen Atemzug wie Lügenpresse-Vorwürfe auch Umfragen ihre Repräsentativität aberkannt. Ein häufiges Argument dabei ist: „In meinem Bekanntenkreis kenne ich aber niemanden, der Migranten gut findet.“ Als Soziologe kann der Autor hierzu erklären: Die meisten Menschen, insbesondere aus den radikalen gesellschaftlichen Ecken, besitzen einen homogenen Freundeskreis, in dem weitgehende Meinungsgleichheit vorherrscht. Repräsentativ angelegte Umfragen versuchen grundsätzlich, durch die Auswahl verschiedener sozioökonomischer Merkmale jeden möglichen Typus Mensch innerhalb einer Grundgesamtheit in der Anzahl entsprechend seiner gesellschaftlichen Verbreitung zu befragen. Da kein Meinungsinstitut die Ressourcen und die Zeit hat, die gesamte Bundesrepublik zu befragen, wird dies immer anhand einer Stichprobe erfolgen. Durch die sorgfältige Auswahl ist Repräsentativität grundsätzlich gewährleistet. Sofern der Freundeskreis eines geneigten Kritikers nicht die gesamte Bundesrepublik umfasst, ist sein Freundeskreis nicht repräsentativ. Punkt. Keine Diskussion.

Digitalisierung – wie es dazu kam

Wie es begann: Hinter dem Internet, das wir heute wie verständlich benutzen und das wir uns gar nicht mehr wegdenken können, stecken in etwa 70 Jahre menschlicher Innovation. Die Grundlagen, auf denen hier aufgebaut wurde, reichen hingegen bereits 220 Jahre zurück, als im April 1805 die ersten Lochkarten eingesetzt wurden. Seitdem ist die Computertechnik einen weiten Weg gegangen und bestimmt nicht nur unsere Freizeit, sondern auch unseren Arbeitsalltag. Und nicht alle Arbeitsplätze werden diese Revolution überleben.

Jeder Deutsche nutzt das Internet in etwa zweieinhalb Stunden pro Tag. Junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren sogar für viereinhalb Stunden. Davon entfällt rund eine Stunde auf die persönliche Kommunikation, zum Beispiel über den Messenger-Dienst WhatsApp, der von 64 Prozent der Internetnutzer regelmäßig benutzt wird. Die restliche Zeit wird mit Spielen und Onlinekäufen verbracht. Vor allem der letzte Prozess hat den Besuch im Laden um die Ecke zunehmend ersetzt. Branchenriesen wie Amazon (Umsatz 2017: 177,9 Milliarden US-$) verkaufen zwischenzeitlich alles vom Lebensmittel bis zur Gartenschere.

Arbeitsmarktrevolution

Nicht nur der Austauschprozess zwischen Gesellschaft und Herstellern hat sich zwischenzeitlich zum virtuellen Interface auf dem PC oder Smartphone gewandelt. Produktionsprozesse selbst werden durch den vermehrten Einsatz elektronischer Datenverarbeitung massiv umgekrempelt. Das hat Folgen für den Arbeitsmarkt an sich. Wo technologische Substitution in das Arbeitsleben verankert wird, werden menschliche Arbeitsplätze obsolet. Einer Studie der Oxford-Forscher Osborne und Frey zufolge sollen in den kommenden 15 Jahren allein in den USA 49 Prozent der Jobs dem technologischen Wandel zum Opfer fallen. Für Deutschland wurden durch Jeremy Bowles 2014 ähnliche Szenarien entworfen. Vor allem im Segment Kundenservice droht der Ersatz des persönlichen Ansprechpartners durch Sprachcomputer und künstliche Intelligenzen. Lediglich Berufe, die auf kreativer oder sozialer Intelligenz beruhen, seien davor geschützt. Dem entgegen stehen Meinungen, welche das Potential menschlicher Anpassung betonen und auch in vermeintlich ersetzbaren Berufsfeldern Arbeitsprozesse sehen, die nicht durch eine künstliche Intelligenz ersetzt werden könnten. Unbestritten bleibt aber ein immanenter Einfluss der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt 4.0.

Humaner Erfindergeist

Joseph-Marie Jacquard (geb. 1752 in Lyon) gilt als Ahnherr programmierbarer Werksmaschinen. Der Erfinder wurde als Sohn eines Webers geboren und verbrachte seine Kindheit nicht in der Schule, sondern in der Webstube seines Vaters. Ein Schwager brachte ihm Lesen und Schreiben bei, worauf Jacquard eine Buchbindelehre begann. Nach dem frühen Tod der Eltern erbte er deren Webstube und begann sich für die Mechanisierung des Handwerks einzusetzen. Die Französische Revolution setzte dem ein vorläufiges Ende. 1793 wurde im Rahmen der Belagerung von Lyon seine Webstube zerstört. Das darnieder liegende Handwerk in der Folgezeit ermöglichte es ihm jedoch, finanzkräftige Investoren zu gewinnen, die seine Bemühungen wieder unterstützten.
Jacquard verbesserte den bislang gängigen österreichischen Webstuhl und ersetzte die Nockenwalze durch das Endlosprinzip der Lochkartensteuerung. Dadurch konnten endlose Muster von beliebiger Komplexität mechanisch hergestellt werden. Auf der Lochkarte waren allerlei Informationen über das zu webende Muster enthalten. Die Karten wurden mit Nadeln abgetastet; ein Loch bedeutete Fadenhebung, kein Loch Fadensenkung. Diese beiden Informationen reichten aus, um großflächige Musterungen herzustellen. Genauer gesagt handelt es sich nicht um Karten, sondern um lange Lochstreifen und somit um eine frühe Anwendung der Digitaltechnik. Dieser Webstuhl war somit die erste „programmierbare“ Maschine, deren Steuerung (nach einer Umrüstung der Maschine für ein anderes Muster) dauerhaft aufgehoben und später erneut verwendet werden konnte. Sie ist damit ein Grundstein der heutigen Automatisierung. Der Jac­quard-Webstuhl beseitigte das letzte Hindernis zur vollständigen Automatisierung der Weberei: die kostengünstige Umstellung von Mustern bei der Herstellung wechselnder Webmuster auf derselben Maschine. Um 1830 setzte sich die Elektrik in breiter Anwendung durch und bereitete den Boden für die Übertragung von Daten und den Antrieb von Maschinen durch elektrischen Strom.

Anfänge der Digitalisierung

Die Geschichte der Digitalisierung beginnt für die meisten Menschen 1991 mit der Einführung des Internets. Dessen Vorläufer entstanden gleichwohl bereits in den 1950ern. Joseph Carl Robnett Licklider (geb. 1915 in St. Louis, USA), ein amerikanischer Psychologieprofessor, kann hier als Gründerfigur der Künstlichen Intelligenz, moderner Interaktionskonzepte für den Computer sowie des Time Sharings und des Internets gesehen werden. Er leitete eine Forschungsgruppe bei der US-Firma Boilt Beranek and New­mann (BBN). Hervorgegangen als Gründung zweier Professoren des Massachusetts Institute of Technology (MIT) wurde die Firma ursprünglich beauftragt, die Akustik im Gebäude der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu planen. Aus solchen Untersuchungen der Akustik als Mittel grundlegender Kommunikation resultierte die Kompetenz von BBN bei der Schaffung erster Rechnernetze, deren Machbarkeit mittels bestehender analoger Telefonnetze nachgewiesen werden konnte. Licklider leistete dieser Entwicklung Vorschub, in dem er auf einem PDP-1, einem Minicomputer des Herstellers Digital Equipment Corporation (DEC), eines der ersten Time-Sharing-Systeme baute. Dahinter stand das Konzept, dass Computer, weil zu „schnell“ und zu kostspielig, nicht nur als Interaktionsplattform eines Nutzers diesen sollten, sondern ihre Zeit auf mehrere Nutzer aufteilen sollten. Dadurch wurde ein Vorentwurf eines Netzwerkes multipler Klienten geschaffen. Die weitere Entwicklung dieser Ideen ist im Kontext des Kalten Krieges zu sehen und wurde an der Rand Corporation (die erste Denkfabrik, die 1946 von der Air Force gegründet wurde) geprägt. Paul Baran veröffentlichte dort 1960 ein Paper, in dem er einen drohenden Nuklearkrieg als Anlass nahm, Ideen für ein Netzwerk zu entwickeln, welches einen solchen Krieg überleben könnte. Die Zerlegung von Kommunikationen in kleine Datenpakete, die, mit Ziel- und Absenderadresse versehen, quasi autonom ihren Weg durch das Netzwerk finden, war Voraussetzung für die verteilte, dezentrale Architektur des Internets. Sie war auch der Punkt, an dem die Geister der Computer- und der Telekommunikationswelt sich schieden.

Internet 1.0–2.0

1958 wird die Advanced Research Project Agency (ARPA) gegründet. Vorerst besteht die Aufgabe der Institution darin, das Raumfahrtrennen gegen die Sowjets zu gewinnen. Nachdem dafür die NASA gegründet worden war begann ARPA Grundlagenforschung im Bereich der Computer und finanzierte die ersten Großrechner für die Universitäten. Den Zuschlag für die Entwicklung der Paketvermittlungstechniken, genauer eines Interface Message Processors (IMP), erhielt BBN. Dort arbeitete unter anderem Robert E. Kahn, der vom MIT gekommen war und auf den ein Großteil der Architektur des Internets zurückgeht. Die IMPs, Vorläufer der heutigen Router, hatten die Aufgabe, die niedrigste Verbindungsschicht zwischen den über Telefonleitungen vernetzten Rechnern herzustellen. Die ersten IMPs wurden im Mai 1969 ausgeliefert. Zuvor hatte ARPA eine Ausschreibung unter 140 amerikanischen Firmen, unter anderem IBM und AT&T, veranlasst. Rund 90 Prozent der angesprochenen Firmen hielten das Projekt für undurchführbar.
Der Startschuss zum Internet fiel dann im Herbst 1969, als die ersten vier Großrechner in der UCLA, im SRI, der University of California in Santa Barbara (UCSB) und der University of Utah miteinander verbunden wurden. Dieses erste Netz wird ARPAnet betitelt. Am 29. Oktober 1969 war „Io“ die erste gelungene Internetbotschaft, die versuchsweise von der UCLA an das Stanford Re­search Institut (SRI) übermittelt wurde. Die Folgezeit führt zu einigen kuriosen Blüten. Berühmt wird ein Chat-Gespräch zwischen einer automatisierten Künstlichen Intelligenz, programmiert mit Gesprächsmustern eines Psychiaters und ihrem Kontrapunkt, einer Künstlichen Intelligenz, programmiert als paranoider Patient.
1971 wird dieses erste Netz bereits auf 23 Rechner erweitert. 1972 erfindet der BNN-Mitarbeiter Raymond Tomlinson die E-Mail. 1981 sind bereits autonome Netze in Großbritannien und Frankreich entstanden. 188 Rechner mit ca. 500 000 Benutzern bevölkern damals das Internet. 1983 wird der militärische Teil des ARPAnet vom zivilen Teil getrennt. 1991 wird durch Timothy Ber­ners-Lee, Mitarbeiter am Kernforschungszentrum in Genf, die HTML-Sprache entwickelt, welche der Programmierung verlinkbarer Webseiten dient, von der Internet-Gemeinde sofort angenommen wird und bis heute das Erscheinungsbild von Webseiten definiert. 1992 sind bereits 1 Million Rechner im Netz. Ein Jahr später hat sich die Zahl verdoppelt. Es setzte eine rasante Entwicklung ein, an deren Ende im Jahr 2018 rund 3,45 Milliarden Internet-Nutzer weltweit stehen.

Kommerzialisierung

Das Internet war in seinen Anfängen aus militärischen und forschungstechnischen Gesichtspunkten heraus geplant und konstruiert. Mit der massenhaften Verbreitung von Rechnern auch im privaten Bereich setzte sich eine Kommerzialisierung des Internets durch, welche mediengeschichtlich bis dahin als Anomalie zu sehen war. So kannte das Internet, das nicht aus einem spezifischen, laborbezogenen Herstellungsprozess entstanden war, keine Trennung zwischen Erfindern, Entwicklern und Anwendern. Initiativen wie die National Science Foundation in den USA forcierten in den 90er Jahren den Erhalt und die Erweiterung der universitären Rechnernetze durch kommerzielle Anbieter. Len Bozack, ein Stanford-Student, gründete in diesem Zuge Cisco Systems. Andere Unternehmen sprangen auf den Router-Markt auf. Auch in Deutschland begann Anfang der 1990er die Privatisierung der universitären Infrastruktur. Das Drittmittelprojekt Eunet der Informatik-Rechnerbetriebsgruppe der Universität Dortmund wurde Ende 1992 zur EUnet Deutschland GmbH. Im Jahr darauf wurde auch das XLINK-Projekt an der Uni Karlsruhe zum Geschäftsbereich der NTG Netzwerk und Telematic GmbH, ihrerseits Tochter von Bull. 1990 wurde ARPANet offiziell abgeschaltet, und eine Reihe von Informationsdiensten kommerzieller und nicht-kommerzieller Art traten in das Internet ein, darunter die Aktienbörse Dow Jones sowie die National Library of Medicine in den USA.
Diverse andere Firmen verschliefen das neu aufkommende Medium. Bill Gates erwähnte das Internet in seinem 1995 erschienenen Buch The Road ahead noch mit keinem Wort. Kurze Zeit später schwenkte er sein Unternehmen auf das Internet um und veröffentlichte die erste Ver­sion des Internet Explorer. Der erste prominente Streit darüber, ob Domain-Namen geistiges Eigen­tum sind, war der von MTV Networks gegen Adam Curry. Etwa im Mai 1993 hatte Curry, ein MTV-Video-Jockey, auf eigene Faust und Kosten ein Informationsangebot unter mtv.com gestartet. In Gesprächen mit führenden Angestellten von MTVN und deren Muttergesellschaft Viacom New Media hieß es, MTV habe kein Interesse am Internet, hindere Curry aber auch nicht an seinen Aktivitäten. Also baute Curry sein Informationsangebot weiter aus, unter anderem mit einem Schwarzen Brett, auf dem sich Musiker und Vertreter der Musikindustrie miteinander unterhielten. In den von ihm moderierten Fernsehprogrammen wurden E-Mail-Adressen wie popquiz@mtv.com eingeblendet.
Im Januar 1994 forderte MTVN Curry förmlich auf, die Verwendung von mtv.com einzustellen. Dennoch verwiesen MTV-Sendungen weiterhin auf diese Adresse und ein führender Angestellter bat Curry im Februar, bestimmte Informationen in seiner Seite aufzunehmen. Inzwischen hatten MTVN und AOL einen Vertrag abgeschlossen, um einen kostenpflichtigen Dienst anzubieten, der unter anderem ein Schwarzes Brett für Musikprofis beinhalten sollte, das dem von Curry auffällig glich. MTVN verklagte Curry unter anderem wegen des Verstoßes gegen Trademark-Ansprüche auf Freigabe der Domain mtv.com. Currys Versuche, den Streit gütlich beizulegen, scheiterten. Er kündigte. Letztlich kam es doch zu einer außergerichtlichen Einigung, bei der Curry die Domain an MTV aufgab.

Trendsetter – und verlierer

Die Situation war typisch für die Zeit um 1993/1994: Große Unternehmen, auch aus der Medienbranche, ignorierten oder unterschätzten die Bedeutung des Internets, während innovative Einzelpersonen durch ihr persönliches Engagement populäre und kostenlose Informationsangebote aufbauten, nur um zusehen zu müssen, wie ihnen die Früchte ihrer Arbeit mit Hilfe des Rechtssystems abgesprochen wurden. Nachdem in zahlreichen Urteilen entschieden war, dass Domain-Namen dem Warenzeichenregime unterliegen, setzte ein reger Handel ein. CNET beispielsweise kaufte 1996 die Domain tv.com für 15 000 Dollar. business.com wurde 1997 für 150 000 Dollar verkauft und zwei Jahre später für bereits 7,5 Millionen Dollar weiterverkauft.

Dotcom-Blase

Zum Ende des 20. Jahrhunderts wandelte sich das Internet von einer Institution mit hauptsächlich akademischem Publikum zu einer Einrichtung für jedermann. In Deutschland boten die Deutsche Telekom und diverse Wettbewerber (zum Beispiel AOL und CompuServe) bundesweit Internet-Zugänge zu immer günstigeren Konditionen an und bewarben diese Angebote massiv. Die Geschwindigkeit der Modems stieg immer weiter an und in Europa wurde mit dem ISDN-Anschluss ein digitaler Telefonanschluss angeboten, der direkt für die schnelle Datenübertragung konzipiert war. Auch die Geschwindigkeit der Backbones stieg weiter an, da für viel Geld immer mehr Leitungen verlegt wurden.
Das Internet gewann infolgedessen immer mehr an Popularität. Dadurch wurde es auch wirtschaftlich immer interessanter und viele größere Unternehmen begannen, auf Homepages ihre Produkte darzustellen und zu bewerben. Einige Privatleute gingen noch weiter und gründeten Unternehmen, die nur im Internet agierten und dort Waren und Dienstleistungen anboten. Mit wenig Startkapital konnten sie Ideen umsetzen, die von den Kunden gut angenommen wurden. Um ihr Geschäft weiter auszubauen, besorgten sie sich über einen Börsengang zusätzliches Kapital. Da der Unternehmensname häufig der Domain entsprach (die für kommerzielle Anbieter in der Regel mit „.com“ endet), wurde diese Boomphase auch als Dotcom-Boom (engl. dot zu deutsch: Punkt) bezeichnet.
Auch in Deutschland kam es zu einem Dotcom-Boom – im Wesentlichen durch den Börsengang des ehemaligen Staatskonzerns Telekom. Dieser Börsengang wurde massiv bei der gesamten Bevölkerung beworben, um die Telekom-Aktie als Volksaktie gerade auch bei der bisher eher aktienunerfahrenen Bevölkerung bekannt zu machen. In der Folge interessierten sich immer mehr Leute für die Börse und kauften auch Aktien von diversen anderen Internet-Neugründungen. Zahlreiche Börsenexperten hielten die Aktienkurse der Internet-Unternehmen am Neuen Markt für überbewertet – aber in der allgemeinen Euphorie wurden solche Stimmen ignoriert.
Im Jahr 2000 kam es dann jedoch tatsächlich zu einem Börsencrash, der einen allgemeinen Abwärtstrend an der Börse einläutete. Seitdem wird der Dotcom-Boom rückblickend auch als Dotcom-Blase bezeichnet. Viele der gegründeten Internet-Start-Ups mussten wieder schließen, insbesondere Geschäftsmodelle, die sich allein über Werbung finanzieren sollten oder sogar den Surfer für den Erhalt von Werbung bezahlen lassen wollten (Paid-4-Szene), konnten sich nicht halten. Die inzwischen etablierten Internet-Unternehmen wie Amazon oder eBay waren jedoch nicht so stark betroffen, dass ihre Existenz gefährdet wäre. Und so ging der Internet-Boom, wenn auch gebremst, trotzdem weiter.

Ökologische Aspekte

Mit dem Ende des 20. Jahrhunderts wurden auch erstmals ökologische Aspekte bei der Einrichtung der Internet-Infrastruktur berücksichtigt. 1999 wurde in Kalifornien der erste Webhosting-Anbieter gegründet, der seine Server komplett mit Ökostrom betreibt, seit 2003 bietet dies Greenpeace Energy auch in Deutschland an. Im Jahr 2005 hat in Deutschland der Stromverbrauch für Internet-Infrastruktur und Nutzung bereits den Stromverbrauch für Beleuchtung überschritten. Die Suchmaschine Ecosia verspricht, 80 Prozent ihres durch Suchanfragen investierten Gewinnes in das Pflanzen vom Bäumen zu investieren und gibt an (Stand März 2018), bereits über 22 Millionen Bäume gepflanzt zu haben.

Das mobile Internet

Mit dem Einzug des Internets auf mobile Endgeräte ist der Zugang zum Netz für die meisten Menschen nicht mehr nur möglich, sie werden davon sogar ständig begleitet. Dies gilt insbesondere für Bereiche des Globus, in denen der stationäre Internetzugang wenig oder kaum verbreitet ist. In Deutschland hat das mobile Internet 1999 Einzug gehalten. Auf der CeBIT wurde eine Technologie vorgestellt, die mit geringen Übertragungsraten von 9,6 Kilobits pro Sekunde und einem Preis von knapp 40 Cent pro Minute noch keine Durchsetzungskraft auf den Markt mitbrachte. Der neue Standard GPRS, der ein Jahr später erschien, verbesserte die Sendeleistung um das achtfache. Da die Datenübertragung in Paketen erfolgte, konnte auch erstmals nach Datenvolumen statt nach Verbindungszeit gerechnet werden. Selbst wenn die Geschwindigkeiten im Vergleich zu heute immer noch sehr bescheiden waren, prognostizierten fast alle Analysten einen baldigen Siegeszug des mobilen Internets. Das erklärt auch, warum die ersten Lizenzen für den Übertragungsstandard der dritten Generation UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) im Sommer 2000 vom Bund für 98,8 Milliarden Deutsche Mark versteigert werden konnten. Die Investitionen für den Netzausbau mussten allerdings ebenfalls von den Mobilfunkanbietern gestemmt werden, woraufhin die Kosten über extrem hohe Verbindungsgebühren auf den Kunden umgelegt wurden. Ein wichtiger Grund, warum sich UMTS in Deutschland nur schleppend etablieren konnte. Erste Probeläufe für Firmenkunden gab es 2003. Für Privatkunden war UMTS sogar erst 2004 verfügbar. Auch der Übertragungsstandard EDGE (Enhanced Data Rates for GSM Evolution) als Weiterentwicklung von GSM ging in Deutschland relativ spät an den Start. Erst seit Frühjahr 2008 ist die verstärkende Technik als Vorstufe zu UMTS flächendeckend verfügbar. Im Gegensatz dazu konnte beispielsweise Swisscom Mobile schon 2005 flächendeckend EDGE anbieten.

Nachzügler Deutschland

Auf der CeBIT 2006 wurde der UMTS-Standard schließlich offiziell um HSDPA und HSUPA erweitert. Damit konnten die Übertragungsraten deutlich gesteigert werden und lagen in etwa auf dem Niveau eines DSL-Anschlusses.
Die nächste Steigerung ließ dann etwas auf sich warten. Aufbauend auf UMTS wurde der LTE-Standard (Long Term Evolution) entwickelt, um dem Bedarf nach höheren Bandbreiten gerecht zu werden. Auch wenn es konkurrierende Technologien wie WiMAX gibt, konnte sich LTE dank der geringeren Umrüstkosten für die Mobilfunkbetreiber durchsetzen. Die ersten kommerziellen LTE-Netze wurden in Stockholm und Oslo in Betrieb genommen und boten eine Downstream-Übertragungsgeschwindigkeit von 100 Megabit pro Sekunde. In Deutschland wurden die Frequenzlizenzen Ende Mai 2010 an die drei größten Anbieter, Telekom, Vodafone und Telefónica Germany (o2), versteigert. Erste Angebote gibt es seit Mitte 2010 in ausgewählten Städten. Mittlerweile ist mehr als die Hälfte des Bundesgebietes mit LTE abgedeckt. Dennoch zählt die Bundesrepublik als Nachzügler, was die mobilen Daten betrifft. In lediglich 73 Prozent aller Fälle, so eine Studie aus dem Jahr 2016 (12,3 Milliarden Messungen wurden von 822 556 Nutzern vom 1. Mai bis 23. Juli vorgenommen), steht den deutschen Smartphone-Benutzern Internet im höchsten Standard zur Verfügung (zum Vergleich: Spitzenreiter Südkorea erreicht für seine Bürger eine Netzverfügbarkeit von 98,54 %). Sogar in Af­ghanistan und dem Kongo liegen die Werte höher. Hinsichtlich der maximalen Übertragungsgeschwindigkeit belegt Deutschland ebenfalls nur einen schlechten Platz im Mittelfeld. Mit rund 13 MB/s, die dem deutschen Nutzer zur Verfügung stehen, können die 41,34 MB/s der Südkoreaner nicht erreicht werden. Sogar Ungarn hat mit rund 26 MB/s hier einen großen Vorsprung gegenüber den Deutschen.

Wie geht es weiter?

Die Datennutzungszahlen der Endkunden explodieren seit Jahren. Firmen werden durch die steigende Nachfrage nach Kundendaten (Big Data), vernetzter Häuser und Gebrauchsgegenstände ebenfalls größeren Bedarf anmelden. Hier sind vor allem Automobilhersteller zu nennen, die Entwicklungen der Internetgiganten Google, Amazon und Co. wenig Vergleichbares entgegen zu setzen haben, auch wenn die Entwicklung des Google-Autos wieder zurückgestellt ist. Die Infrastruktur des Landes, diesem Bedarf nachzukommen, ist im internationalen Vergleich nicht ausreichend und wird ernsthaft ausgebaut werden müssen, um den Anschluss nicht zu verlieren und nicht in der Digitalisierung 0.1 stecken zu bleiben. (rb)

Bild: „Mini“-Computer PDP-1 (Matthew Hutchinson, CC BY -SA 2.0)

Das Internet ist ein Neuland?

„Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Dieser Satz aus dem Jahr 2013 reichte aus um die Netzgemeinde zu höhnischen und aggressiven Kommentaren über die vermeintliche Realitätsfremde der Kanzlerin zu veranlassen. Erst fünf Jahre später wird den letzten deutlich: Es war wohl etwas ganz anderes gemeint.

„…und ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung natürlich mit völlig neuen Möglichkeiten und Herangehensweisen unsere Art zu Leben in Gefahr zu bringen.“

Diesen Satz hätte man der Vollständigkeit halber in der Debatte noch mit nennen können. Er führt den eigentlichen Kontext an das Zitat heran. Im Sinne der Spaßgesellschaft, die ständig neue Tiefschläge sucht, an der sie sich festbeißen kann, war das wohl zu viel verlangt.
Die möglicherweise ungeschickte Wortwahl Angela Merkel‘s beiseite gelassen: Für niemanden, auch nicht für die Kanzlerin selbst, die das Internet schon lange professionell nutzt, ist das weltweite Netz ein Neuland im Sinne von etwas, dass man noch nie benutzt hat. Vorbei sind die Zeiten in denen Wolfgang Schäuble das Internet mit einer Telefonanlage gleich setzte, oder Brigitte Zypries nicht wusste, was ein Webbrowser ist. Die meisten Deutschen sind in irgendeiner Form digital angebunden. Ob Sie das Netz nun nur für E-Mails nutzen oder ob Sie darin vollkommen aufgegangen sind, wie man es für die (neusprech) „digital natives“ konstatieren kann ist im Grunde egal. Niemand nimmt dem anderen etwas weg und es besteht kein Grund für eine gesellschaftliche Spaltung entlang dieser vermeintlichen Trennlinie.
Allen zugleich ist aber die relative Ahnungslosigkeit, mit denen bedingungslos persönliche Daten in das weltweite Netz hinausposaunt werden. 50 Millionen Profildaten wurden von Facebook an das Unternehmen Cambridge Analytica weitervermittelt. Darauf baute das Wahlkampfteam von Donald Trump seine Kampagne auf. Der Aufschrei ist groß. Dabei besteht dafür kein Grund. Es gab kein Datenleck. Die Weitergabe von Daten gehört zum Geschäftsmodell von Facebook. Wer die AGB‘s des Unternehmens liest, weiß das. Und auch wer sie nicht liest, kann das zumindest antizipieren. Ist im Internet etwas kostenlos, zahlt man mit seinen Benutzerdaten dafür. Diese Faustregel kann man immer anwenden. Facebook ist hierbei kein Pionier. Der Weiterverkauf von E-Mail Adressen ist schon lange ein alter Hut.
In anderer Form hingegen hat Facebook Pionierarbeit geleistet. Bekannt ist, dass im Internet gesellschaftliche Benimmregeln schneller fallen, als ein Ziegel vom Dach. Oder salopp gesagt; das Internet ist eine verbale Müllkippe. Weil das Gegenüber nicht sichtbar ist und die (vermeintliche) Anonymität einen schützt, kann man schreiben was man schon immer schreiben wollte ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten. Facebook hat das auf ein neues Level geführt. Zum ersten Mal kann man sich wirklich benutzerfreundlich in Gruppen organisieren um Hass und Hetze gegen Mitmenschen zu verbreiten.
Ja, das Internet ist für uns alle Neuland. (rb)

10 Fragen an Thomas Oppermann

10 Fragen an Thomas Oppermann (SPD, Vizepräsident des Deutschen Bundestages) zum Ergebnis der Koalitionsverhandlungen.

1. Nach den Koalitionsverhandlungen mit der Union hat mit dem Rücktritt von Martin Schulz die Personaldebatte in der Partei erst an Fahrt gewonnen. Wie gut haben Sie in den letzten Tagen geschlafen?

In der Politik gilt: Irgendwas ist immer. Hinge mein Schlaf davon ab, wäre ich in den letzten dreißig Jahren häufig nicht zur Ruhe gekommen. So haben mich auch die zugegebenermaßen aufregenden Ereignisse der letzten Wochen nicht um den Schlaf gebracht.

Aber ich gebe zu: Bei der aktuellen Personaldebatte gibt unsere Partei kein gutes Bild ab. Ich hoffe, dass wir sie schnell beenden können.

2. Wie bewerten Sie den Rücktritt von Martin Schulz?

Martin Schulz und Andrea Nahles haben in den Koalitionsverhandlungen ein gutes Ergebnis erzielt. Das Europakapitel steht für eine Kehrtwende in der Europapolitik, hin zu einem neuen solidarischen Europa. Die Entscheidung von Martin Schulz, sich und seine eigenen Ambitionen zurückzustellen, hat ihm sicherlich einiges abverlangt und das rechne ich ihm hoch an.

3. Unabhängig vom Ergebnis der Koalitionsverhandlungen hat die SPD in den vergangenen Tagen durch die Personaldiskussion und die Querelen um die Große Koalition keinen guten Eindruck in der Öffentlichkeit vermittelt. Angesichts weiter fallender Umfragewerte wirkt die Partei kopflos und zerstritten und Andrea Nahles wird sich als Parteivorsitzende erst beweisen müssen. Wie kommt die SPD aus den negativen Schlagzeilen wieder raus? Und warum liest man so oft etwas Negatives über die SPD und beispielsweise vergleichsweise wenig über den Umgang der CDU mit Spendengeldern?

Ein Merkmal der SPD ist das gemeinsame und konstruktive Ringen um Lösungen. Bei uns werden Vorhaben nicht von einer kleinen Anzahl von Personen im Hinterzimmer verhandelt und dann dem Rest der Partei präsentiert, sondern transparent diskutiert. Nichtsdestotrotz wirkt dieser eigentlich konstruktive Prozess zuweilen masochistisch. Es scheint, als könnten wir unsere Erfolge bei den Koalitionsverhandlungen selbst nicht fassen. Wir sollten jetzt deutlich machen, wie eine Umsetzung des Koalitionsvertrags das Leben vieler Menschen in Deutschland verbessern könnte und die Ergebnisse mit Blick auf den Mitgliederentscheid diskutieren.

Was Berichterstattung über Spannungen in der CDU betrifft, hast du natürlich Recht: Es wird bei weitem nicht so breit darüber berichtet wie über Meinungsverschiedenheiten in unserer Partei. Vielleicht sind wir einfach unterhaltsamer. Scherz beiseite: Tatsächlich wächst in der Union die Unzufriedenheit mit Angela Merkel und Ihrer Politik des Abwartens. Ich rechne damit, dass die Kritik daran in den nächsten Wochen und Monaten noch zunehmen wird.

4. Seit ihrer Zeit als Minister für Wissenschaft und Kultur im Kabinett Schröder hat die SPD die Hälfte ihrer Wähler verloren. Was war damals anders als heute? Und was muss getan werden um auch in den Umfragen wieder eine Trendwende zu schaffen?

Globalisierung und Digitalisierung stellen uns vor immer größere strukturelle Herausforderungen. Viele Menschen fragen sich, was das für sie bedeutet. Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten müssen den Menschen in Deutschland zeigen, dass wir ihre Anliegen lösen können. Dafür haben wir auch in den vergangenen Jahren viel getan, leider ist das bei den Menschen nicht immer angekommen. Oder die eigentlich sozialdemokratischen Erfolge wurden
anderen angerechnet.

5. Von Seiten der DL21 wird der CDU vorgeworfen, sich bereits in der Vergangenheit wortbrüchig gegenüber der SPD verhalten zu haben. So wurde die solidarische Lebensleistungsrente nicht eingeführt und auch die Finanztransaktionssteuer durch die CDU blockiert. Wird dieser Koalitionsvertrag das halten, was er verspricht?

Die genannten Beispiele zeigen, dass die Zusammenarbeit der GroKo nicht immer vertrauensvoll war. Umgekehrt hat uns die Union bei der „Ehe für alle“ Unzuverlässigkeit vorgeworfen. Es ist schwierig, eine stärkere Profilierung innerhalb der Koalition zu fordern und diese gleichzeitig der Gegenseite zum Vorwurf zu machen.

Jetzt gilt es nach vorne zu schauen. Die vereinbarten Maßnahmen im Koalitionsvertrag sichern unseren Wohlstand auch in Zukunft und verbessern das Leben für viele Menschen. Besonders wichtig sind mir zwei Punkte, für die ich mich lange eingesetzt habe:

Wir bekommen endlich ein modernes, transparentes Einwanderungsgesetz, das die Zuwanderung von Fachkräften besser steuert. Außerdem werden wir die Bundestagsdebatten lebendiger gestalten: Zukünftig wird es eine regelmäßige Befragung der Kanzlerin im Plenum und Orientierungsdebatten zu den großen innen- und außenpolitischen Themen geben.

Weitere zentrale Punkte sind:

– Wir stellen 5 Mrd. € für die Digitalisierung der Schulen bereit. – Mit 2 Mrd. € werden Ganztagsschulangebote ausgebaut.
– Für flächendeckende Glasfaser-Netze stellen wir 10-12 Mrd. € bereit.
– Auch die Mittel für das Schienennetz und den Nahverkehr werden deutlich erhöht.
– Endlose Kettenbefristungen werden abgeschafft, sachgrundlose Befristungen von Arbeitsverträgen sollen nur noch die Ausnahme sein.
– Alle, die ein Leben lang gearbeitet haben, werden durch eine solidarische Grundrente abgesichert.
– Mit einem Sofortprogramm Pflege schaffen wir 8.000 neue Stellen mit besserer Bezahlung.
– Ab 1.1.2019 wird die Gesetzliche Krankenversicherung wieder paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanziert. Eine Kommission soll eine gemeinsame Honorarordnung für gesetzliche und private Krankenkassen vorbereiten, um die „Zwei-Klassen-Medizin“ zu beenden.
– Wir schaffen den Solidaritätszuschlag schrittweise ab und setzen uns für eine Schließung von Steuerschlupflöchern und Steueroasen.
– Wir stärken die Rechte von Mietern, investieren 2 Mrd. € in den sozialen Wohnungsbau und unterstützen Familien mit einem Baukindergeld von 1.200 € je Kind pro Jahr.

6. In der Vergangenheit wurde die SPD von der CDU in ihren Erfolgen marginalisiert. Den Mindestlohn schrieb man den Christdemokraten zu. Die Forderung nach einer Ehe für alle wurde durch die Kanzlerin in kürzester Zeit zu eigen gemacht. Wie will die Partei dagegen in der Zukunft bestehen?

An dieser Stelle sind wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten alle in der Pflicht, unsere Erfolge selbstbewusster zu kommunizieren. Wir müssen die Unterschiede stärker herausarbeiten und unsere Inhalte als solche erkennbar machen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es die CDU war, die in der vergangenen Legislaturperiode inhaltlich an die SPD herangerückt ist und nicht andersrum. Wir können unsere ureigenen Positionen nicht ändern, nur weil eine andere Partei diese einnimmt. Selbstverständlich bleibt die Profilierung aber eine wichtige Aufgabe, die auch bei unserem Erneuerungsprozess eine zentrale Rolle spielt.

7. Bei ihrer Rede zum Lichtmessempfang der SPD im Rems-Murr-Kreis vor einigen Tagen benannten Sie die Große Koalition als „keine Liebesheirat und höchstens so etwas wie eine pragmatische Vernunftsehe“. Warum ‚muss‘ die SPD mit den Konservativen zusammenkommen?

Die Bürgerinnen und Bürger haben am 24. September 2017 gewählt und das Ergebnis gilt es zu respektieren. Der damit verbundene Auftrag lautet Regierungsbildung. Da sich die FDP vom Acker gemacht hat, gibt es aktuell keine alternativen Mehrheiten im Bundestag. Eine Minderheitsregierung wäre keine gute Option. Die SPD hätte jenseits der Union im Bundestag keine Mehrheit für ihre Vorhaben. Gegen Neuwahlen hat sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier klar ausgesprochen. Eine Einschätzung, die ich teile.

8. Sie sind Vizepräsident des deutschen Bundestages. Wir nehmen Sie die AfD in der alltäglichen Arbeit war?

Erste Erfahrungen mit der AfD im Bundestag zeigen: Die Abgeordneten treten im Plenum stramm nationalistisch auf. Bei Anträgen und Gesetzentwürfen ist die AfD dabei zurückhaltend bis unauffällig. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Partei denn auch als programmatisch widersprüchlich und personell heterogen. Die AfD verfügt aufgrund ihrer Mandate auf Landes- und Bundesebene über einen wachsenden Apparat, der genutzt wird, um Stimmung gegen Minderheiten und für Nationalismus zu machen. Das muss Punkt für Punkt widerlegt werden.

9. Sie sind Mitglied im FC Bundestag. Die Fußballmannschaft des Bundestages bestreitet bis zu 20 Spiele pro Jahr. Welche Partei gibt auf dem grünen Rasen den Ton an?

Der FC Bundestag ist ein Team wie alle anderen Fußballmannschaften auch, da geben alle Spieler gleichermaßen den Ton an.

10. Ein Blick in die Kristallkugel: Wo steht die SPD in sechs Monaten?

Vorbehaltlich der Entscheidung unserer Mitglieder über den Koalitionsvertrag in den nächsten Wochen, sind wir in Regierungsverantwortung und bereiten uns auf eine arbeitsintensive Phase nach der parlamentarischen Sommerpause vor.

Ich wünschen Ihnen viel Erfolg bei der weiteren Arbeit und bedanke mich für das Interview. (rb)